C-Club

Eine Rückkehr zur besten Tanzmusik des 20. Jahrhunderts

Fast wäre das Konzert noch geplatzt: Wegen eines mysteriösen Bombenfunds musste die Show von Kitty, Daisy & Lewis kurzerhand vom Berliner Lido in den etwas kärglich eingerichteten Columbia Club verlegt werden.

Sei's drum, das Gefolge der Londoner 50er-Jahre-Epigonen ist pünktlich. Kurz vor 22 Uhr mahnt ein Moderator, die Stars des Abends auch mit gebührendem Jubel willkommen zu heißen. Dann betreten die Geschwister Kitty, Daisy & Lewis endlich die kleine Bühne, um ihr drittes Studioalbum "Smoking In Heaven" vorzustellen, dass dieser Tage erscheint und fraglos ein Großereignis für Leute ist, die den analog konservierten Sound der 40er und 50er schätzen. Begleitet von ihren Eltern Ingrid Weiss (Bass) und Greame Durham (Gitarre) waten die Geschwister knietief im Rockabilly-Klischee, doch ist das Schöne an dieser Band ihr Dilettantismus, den sie jederzeit zu wahrer Spielfreude ummünzen können, etwa im herrlich verstolperten "Messing With My Life". Bei "I'm So Sorry" bringt der Trompeter Eddie "Tan Tan" Thornten ein bisschen Jamaika in das irre Ska-Stück.

Sonst braucht das Trio nicht viel, um seine Kunst auf der Bühne zu entfalten. Gitarre, Klavier und wild pulsierendes Schlagwerk untermalen den launig-lasziven Gesang von Kitty Durham, der manchmal wunderbar ins Zickige umschlägt. Zwischendurch wechseln die Musiker munter die Instrumente, was zumeist einen leichten Stilwechsel ankündigt. Blues, Country, Rock'n'Roll, und Swing belehnen die drei mit bravouröser Lässigkeit, klingen in "Going Up The Country" wie eine Jug-Band und gewinnen in "I'm Going Back" die Rasanz eines Chuck-Berry-Songs.

Das alles ist äußerst hübsch in Szene gesetzt und bestätigt die gängige Vermutung, dass sobald ein traditionsbewusster Look einem optischen Update unterzogen wird, auch jüngere Menschen ins Konzert strömen. Jede Menge Pomade und Schminke sind zu sehen, die Männer tragen Tolle, die Frauen erinnern mit Blumen im Haar und weiten Röcken bisweilen an Calypso-Sängerinnen.

Ist ,retro' also 'the new modern'? Die Verfechter des Genres würden natürlich antworten: 'Zeitlos' ist das richtige Wort. In Wahrheit aber spiegelt sich darin die Sehnsucht, ja der amerikanische Traum von längst verwehter Glorie, als Jungs ihre Freundinnen mit dem Cadillac Cabrio zum Highschool-Ball chauffierten, als Elvis Presley wegen vermeintlich obszöner Verrenkungen nur noch von der Hüfte an aufwärts über die Fernsehbildschirme flimmerte und Jimmy Dean in "Rebel Without A Cause" auf den moralischen Abgrund einer bigotten Gesellschaft zuraste, die außer überkommenen Werten nichts bereit hielt für lebenshungrige Teenager. Damals ging es um den Konflikt der Generationen, den Ausbruch aus dem Muff der Kleinstadt und um Rock'n'Roll als Mittel zur Befreiung.

Dass diese Musik bei hiesigen Kohorten wie den Rhythm'n'Blues-Adepten Dick Brave & The Backbeats oder den Country-Clowns von The BossHoss zum bloßen Style erstarrt ist, verstellt beinahe die Möglichkeit auf eine Rückbesinnung. Der haben sich Kitty, Daisy & Lewis mit fast missionarischem Ernst verschrieben. In London, wo amerikanisches Kulturgut immer schon aufmerksam konsumiert wurde, entdeckten die Geschwister Jerry Lee Lewis, Gene Vincent und viele andere Helden der Roaring fifties im elterlichen Plattenschrank. Seither exportieren sie deren Geist weltweit mit stoischer Zielstrebigkeit.

Das lässt sich durchaus als kulturhistorischer Beitrag hören. Nicht immer gelingt es der Band, die Energie und sexuelle Sprengkraft ihrer Vorbilder zu erreichen. Aber spätestens mit dem furiosen Finale in "Don't Make A Fool Out Of Me", bei dem die Band minutenlang auf einem einzigen Riff verharrt und Kitty triumphal ihre Mundharmonik heulen lässt, wird klar, dass wir es hier mit der besten Tanzmusik des 20. Jahrhunderts zu tun haben, fernab synthetischer Vibes und Bytes. Live sind Kitty, Daisy & Lewis unbestreitbar bombastisch.