Und natürlich viril stürmische Jungs. Aber vor allem versteht sie die Herzraserei der ersten großen Liebe. Wie da Trieb und Herzensseligkeit zusammenfallen zum Ereignis. Wie überhaupt bei Shakespeare Daseins-Gegensätze stets in eins stürzen. Wie also auch bei "Romeo und Julia" Lust und Leid in eins fallen - so herrlich wie grauenvoll. Denn die Albtraum-Mär von Romeo & Julia ist sowohl Lovestory als auch Schlachteplatte; erzählend von unserer irren Gier auf Krieg, der immerzu die irre Gier auf Liebe im Wege steht - oder umgekehrt. Und eben dieses beständig sehnsuchtsvolle Bändeln und zerstörerische Händeln brachte jetzt die subtile Shakespeare-und-Leben-Versteherin Mona Kraushaar mit leichtester Hand schwer erschütternd auf die Bretter des Berliner Ensembles.

Auf diese Bretter baute Katrin Kersten eine tief die Bühne ausfüllende, metallisch wirkende, einem Silbertablett gleichende Riesenspielfläche, aus der sich ein Plafond heben lässt. Als Insel der Seligen, als gefährlich überm Abgrund schwebendes Liebesnest für das spindeldürre Kerlchen Romeo und sein graziles Girlie Julia (Christopher Nell und Anna Graenzer). Unter ihnen gähnt - böse Überraschung! ein dreckiger Tümpel. Drinnen und drumherum rasen die Schlachten der berüchtigten Veroneser Feind-Familien. Dort hat Martin Seifert als Julchens Terror-Papa seine aus seniler Trotteligkeit und brutalem Zwang aasig gemischten Auftritte. Dort toben die atemberaubend arrangierten mörderischen Gefechte der heißblütig verblendeten Montague- und Capulet-Sprösslinge Mercutio (Frank Röder), Benvolio (Roman Kanonik), Tybalt (Felix Tittel) und Romeo. Wahnsinnskriegerei!

Aber dort kommt es auch - von der einzigartigen Swetlana Schönfeld als urmütterliche Amme beherzt betreut - zum zartesten Liebesgeständnis, das wir seit langem sahen im Theater. Dort kommt es, nach dem ersten scheuen Kuss, zur heftigen Knutschrei zwischen Romeo und Julia. Und dann die tollste Erfindungen dieser ohnehin erfindungsreichen Regie: Ein seliger Traumtanz des süßen Paares, ein berückendes Gehangel, irdische Schwerkraft auszutricksen, die schnöde Welt zu überwinden letztlich ein Vergeblichkeitstanz, wie jeder weiß.

Nach der Pause finden wir beide elfengleich hingegossen aufs halb im Bühnenhimmel hängende Tablett: Ein unvergessliches Bild der Seligkeit. Wahnsinnsglück! Bis die Lerche und nicht die Nachtigall die unendlich anhaltende liebe, göttliche Stille stört. Und das im Tod endende Unglück seinen Lauf nimmt. Wahnsinnstragödie.

Das alles sahen wir oft genug als rüde Possenreißerei, garniert mit Betroffenheitsbombast und Tieftrauergetümel, als schnelles ironisches Schlag- und Schmachtstück oder gar als von aktuellen Kripo-Berichten platt abgeguckten Sex-and-Crime-Thriller. Beim Berlin-Debüt von Mona Kraushaar jedoch ist alles anders: Die Regisseurin entschleunigt, tänzelt (zuweilen vielleicht zu viel), lächelt, lacht. Wird bitter und böse, hebt tief atmend ab, schlägt schonungslos zu. Ein tolles poetisches Schau-, ein philosophisch schimmerndes Kunststück. Eine wundersame Mischung aus fein und grob, Melancholie und Lakonie, musikalisch untermalt von den Musikern Bobo und Sebastian Herzfeld an exotischen Instrumenten im Orchestergraben. Eine letztlich preziöse Seltenheit in der gern hölzern poltrigen Hauptstadtszene; entfernt erinnernd an Luc Bondys uralte Schaubühnen-Kostbarkeiten.

Berliner Ensemble , B.-Brecht-Platz 1. Mitte. Tel. 28 40 81 55. Termine: 23.5.; 3., 5., 19.6.