Ausstellung

Spuren eines ruhelosen Nomaden

Wenn man die Häuser Goethes oder Schillers in Weimar besucht, dann kann man sich wenigstens der Illusion hingeben, man sei den beiden nahe. Es hat sich ja außer den Werken manches von dem erhalten, was ihr alltägliches Leben und Schaffen begleitete.

Von Heinrich von Kleist ist aber kaum etwas auf uns gekommen. Kleist hat ein kühnes, sperriges Werk hinterlassen. Als Person aber lebt er nur schemenhaft in der Literaturgeschichte.

Das aus Anlass des 200. Todestages ausgerufene Kleist-Jahr wartet mit einer Fülle von Veranstaltungen auf, die alle dem kühnen Ziel dienen, den Schwierigen, Zerrissenen, schwer Greifbaren einem heutigen Publikum näher zu bringen, für ihn zu werben, ihn im kulturellen Bewusstsein vor allem Berlin und Brandenburgs fester zu verankern. Die Ausstellung "Kleist: Krise und Experiment" ist das zentrale Ereignis des Kleist-Jahres. Wer sie vollständig sehen will, muss sich auf Reisen begeben, was angemessen ist, wenn man den Lebensspuren eines ruhelosen Nomaden folgt. Der Berliner Teil der Doppelausstellung wurde gestern Abend um Ephraim Palais eröffnet. Der Frankfurter Teil folgt am Sonntag im Kleist-Museum.

In Kleists Geburtsstadt Frankfurt (Oder) widmet sich die Ausstellung vor allem seinem persönlichen Umfeld, seiner Familie, seinen Freundschaften. In Berlin folgt der Besucher Kleists Lebensreise, die von einem dauernden Wechsel von katastrophischem Scheitern und Aufbrüchen zu neuen Ufern geprägt war. Kleist wurde zwar in eine traditionsreiche preußische Offiziersfamilie hineingeboren. Doch niemals stand er in gesicherten Lebensverhältnissen. Seine Erfahrungen als Kindersoldat und jugendlicher Offizier in den Koalitionskriegen traumatisierten ihn. Er gab die militärische Laufbahn auf, wandte sich der Wissenschaft zu, versuchte die Beamtenlaufbahn einzuschlagen, wollte als freier Bauer in der Schweiz leben, wurde in Berlin Herausgeber der ersten Boulevardzeitung Deutschlands, suchte Ruhm als Dichter, der ihm zeitlebens versagt blieb. Für den märkischen Aristokraten Kleist veränderte sich die Welt zwischen der Französischen Revolution und der Niederlage Preußens gegen Napoleon in rasendem Tempo. In höchst modern anmutender Weise reagierte Kleist auf die außer Rand und Band geratene Zeit, indem er sich permanent neu erfand. Zeitlebens blieb er ein traumatisierter Träumer.

Wie aber zeigt man so etwas in einer Ausstellung, wenn außer Autografen kaum authentische Objekte vorhanden sind? Die beiden Kuratoren, der Kleist-Biograf Günter Blamberger und der Ausstellungsmacher Stefan Iglhaut, leiten aus dem Mangel die Freiheit des Inszenierens ab. Es ist zwar in der Doppelausstellung eine bemerkenswert hohe Zahl an originalen Kleist-Manuskripten zu sehen. Aber man muss sie in ihren Vitrinen suchen. Sie stehen nicht als auratische Kleinodien im Zentrum der Rauminstallationen. Jeder Besucher bekommt einen Audioguide, mit dem ihn Kleist selbst durch die Ausstellung führt. Man hat Kleists Briefe an die Schwester Ulrike oder die Tante Helene von Massow im Ohr, wenn man vor den Porträts von mehr als dreißig Generälen aus dem Geschlecht der Kleists steht, vor denen sich die Original-Uniform eines kleinen Fahnenjunkers mitleiderregend ausnimmt. Historische Informationen bieten ausführliche Texttafeln. Der Hunger nach dem Original wird so zwar nicht gestillt. Aber es gibt doch einzelne Räume von hoher Suggestionskraft, die dem Besucher das Gefühl geben, in den Kosmos Kleist eingetreten zu sein.