Der gewitzten Gefühlsdialektik folgt noch so manches charmantes Aperçu an diesem Abend in der Bar jeder Vernunft, der zweigeteilt ist: Anfangs dreht sich alles schön bissig um die bekannte Mann-Frau-Thematik und später geht es ans Eingemachte - es wird politisch. Ein mentales Luftholen gönnt Sandra Kreisler dem Publikum in ihrem aktuellen Programm "Kreislerismen" nicht. Einfach mal entspannt die Gedanken schweifen lassen, ist schlicht nicht drin bei den intelligenten, verbal-musikalischen Spötteleien. Aber das ist eigentlich nur ein klitzekleines Manko am Rande, denn die überaus sympathische Sandra Kreisler lebt ihre Chansons regelrecht und versteht es, die Zuschauer in ihre Geschichten hineinzuziehen und zu fesseln.
Die Wahlberlinerin, die seit sieben Jahren mit ihrem Mann Roger Stein in Kreuzberg lebt, singt natürlich vor allem Chansons ihres Vaters Georg Kreisler, die große Wiener Kabarett-Legende und der Meister makabrer Verse. Tochter und Vater haben seit Jahren keinen Kontakt mehr zueinander. Schade, denn sonst wüsste der Senior, wie vorzüglich Sandra Kreisler seine Lieder interpretiert. Lediglich von Jochen Hochstenbach am Flügel begleitet, also ganz aufs Wort konzentriert, entfalten die Verse ihre volle pointierte Sprengkraft, etwa bei den nicht ganz ernst gemeinten Tipps, wie eine Ehe vielleicht ewig halten könnte. Gegenseitiges Anschweigen steht dabei an allervorderster Stelle.
Selbstredend fehlt auch Georg Kreislers berühmter "Opernboogie" nicht, dem die Tochter mit ihrem Spiel die Spitze aufsetzt. Wie die alten Lieder kommt der ganze Abend wirklich erfrischend anders daher. Dank Sandra Kreisler, die es ja auch versteht, an diesem Abend coole Rastalocken mit eleganten Pumps zu vereinen.
Bar jeder Vernunft , Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Tel. 883 15 82. Termine: Heute u. 1.1., 20 Uhr, 31.12. u. 2.1., 19 Uhr

