Kunstsache

Maler plündern die Mottenkiste der Moderne

Glenn Brown hat mir einmal erzählt, dass er es nicht leiden kann, wenn Farbe auf seine Hände kleckert. Dieser Spleen passt. Kaum ein Maler arbeitet so überlegt und kontrolliert wie er. Vermeintlich malt Brown in wuchtigen Pinselhieben, doch aus der Nähe betrachtet, setzen sich diese breiten Striche aus einer Vielzahl schmaler Linien zusammen, die der Künstler mit einem haarfeinen Pinsel sorgfältig zieht.

Brown hat ein offensichtliches Faible für Stillleben und Porträts - die Kunst des privaten Genusses. Deshalb gefiel mir die Idee des Galeristen Max Hetzler , Browns neue Bilder nicht in den Galeriehallen im Wedding, sondern im intimeren Ambiente einer Charlottenburger Altbauwohnung zu präsentieren. Dort zeigt sich der Künstler in Bestform: Wie immer recycelt er Motive aus der Kunstgeschichte, haucht ihnen neues Leben ein und verwandelt sie so in Zombies. Der Frauenkörper in "Nigger of the World" etwa stammt aus einem Rembrandt-Gemälde - allerdings leuchtet er jetzt leichengrün und sulphur-gelb. Oder der Blumenstrauß in "The Life Hereafter", nach einem Van Goghs geschaffen: Brown malt die aufbrechenden Rosen mit dunklen Höhlen, im Schrei verzerrt wie die Mäuler von Höllenhunden. Eine hochemotionale Malerei ist das. Kein Wunder, dass Hetzler bereits alle Werke verkauft hat. (Bis 28. Mai, Bleibtreustr. 45, Charlottenburg)

Einen ähnlich postmodernen Ansatz wie Brown vertritt der deutsche Maler Anton Henning. Der Berliner plündert mit Vorliebe die Mottenkiste der Moderne. Ich gestehe, ich habe meine Schwierigkeiten mit ihm. Auch Hennings Ausstellung bei Friedrich Loock gelang es nicht, diese auszuräumen: Da hängen auf graugestrichenen Wänden mehrere "Stillleben mit Früchten", die an kubistische Kompositionen von Picasso oder Braque erinnern. Nur dass Henning die Farbpalette mit Zucker bestreut, wenn er Pink, Hellgrün, Orange und Zinnoberrot zugleich aufträgt. Zwei konventionelle Van-Gogh-Blumensträuße drängen in den Blick. Das ist alles mir einfach zu wenig originell, zu gefühlsmäßig unbeteiligt und oft auch zu dekorativ. Allerdings waren am Eröffnungsabend schon ein Gemälde verkauft und mehrere reserviert. Sie kosten zwischen 18 500 und 39 500 Euro, und da Henning auch von größeren Galerien wie Blain/Southern vertreten wird, dürfte das Preisspektrum noch nicht voll ausgeschöpft sein. (Bis 4. Juni, Halle am Wasser, Invalidenstraße 50/51, Mitte)

"Kernschmelze" war das Wort, das man bei der Vernissage von Sterling Rubys in der Galerie Sprüth/Magers häufiger hörte. Vielleicht weil die Kunstwerke des Amerikaners aussehen wie vom Menschen verursachte Naturkatastrophen. "Stalagmiten" nennt der 1972 geborene Ruby seine Skulpturen aus Glasfaser- und Urethanfäden. Wenn man ehrlich ist, erinnern einen die spitz zulaufen und tiefroten Plastiken eher an Raketen oder blutige Reißzähne. Daneben zeigt der L.A.-Künstler handgeknetete Tonskulpturen auf weißen Sockeln - unter anderem ein "Peace"-Zeichen. Es wirkt, wie in der Hitze eines Atomschlags angeschmolzen. Von der Decke hängen rote Tropfenskulpturen, eine Eingangstür ist mit riesigen Quadern zugebaut, die der Künstler eher mit Farbe besudelt als bemalt hat. Einerseits arbeitet Ruby mit seiner Schau "I am not free because I can be exploded anytime" gegen den formalen Minimalismus von Künstlern wie Donald Judd oder Robert Morris. Andererseits verarbeitet er hier die Paranoia der amerikanischen Gesellschaft. So aufregend befremdlich wie dieser Auftritt hat lange keine Ausstellung in Berlin mehr ausgesehen. (Bis 28 Mai, Oranienburger Str. 18, Mitte)

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien in Berlin