Musiktheater

Kammeroper: Letzter Triumph vor der Abwicklung

Eine Frau vergiftet im Laufe von 20 Jahren ihre gesamte Familie und noch einige andere Bremer Bürger. So geschehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Mordserie der Schneidermeisterstochter Geesche war derart unglaublich, dass man sie sogar im fernen Amerika zur Kenntnis nahm.

Schauspiele, Romane und kriminalistische Untersuchungen wurden darüber geschrieben, 1971 machte Fassbinder ein Drama und einen Film daraus, 1988 Adriana Hölszky die Oper "Bremer Freiheit".

Die vulgär-feministische Botschaft des Stückes hat inzwischen reichlich Patina angesetzt, aber wenn man es so inszeniert wie Kay Kuntze an der Berliner Kammeroper, dann wird großes zeitgenössisches Musiktheater daraus. Das ist zunächst der Partitur zu danken, die mittels klirrendem Schlagwerk und befremdlichen Geräuschen der Choristen eine Klangaura höchster Anspannung erzeugt; im Kammerensemble Neue Musik Berlin, geleitet von Peter Aderhold, herrscht permanenter Ausnahmezustand. Kuntze genügt ein Laufsteg im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses, um die krude Geschichte packend zu erzählen. Reizvoll ist sie auch deswegen, weil man nicht genau weiß, ob hier mal wieder das böse Patriarchat angeklagt oder eine subtile Parodie auf den Feminismus geliefert wird. Die Männer jedenfalls sind allesamt Kotzbrocken, die Geesche hingegen scheint mehr Opfer als Täterin zu sein.

Erstaunlicherweise funktioniert diese neurotische Logik, wie man sie auch aus den Romanen Elfriede Jellineks kennt, dramaturgisch ganz gut. Aber nur, weil Annette Schönmüller die Rolle so unwiderstehlich verkörpert. Und dann auch noch artistisch zu singen versteht. Der Kammeroper gelingt mit "Bremer Freiheit" eine provokante, bewegende und haarsträubend komische Inszenierung - vielleicht die beste Berliner Operninszenierung der Saison. Und das ausgerechnet in dem Moment, da der Senat dieser Institution die Basisförderung entzieht. In der Jury, die das Todesurteil fällte, saßen offenbar nur Ahnungslose. Die herausragende Arbeit der Berliner Kammeroper seit 30 Jahren liefert jedenfalls nicht das geringste Argument für eine solche Entscheidung. Eher könnte man an den Ausgaben der beiden großen Häuser sparen, aber an üppige Tarifverträge, überzogene Sängergagen und astronomische Regie-Honorare wagt sich die Politik natürlich nicht heran. Wieviel bequemer ist es doch, kleine schutzlose Organisationen abzuwickeln. Nun geht das Abendland nicht unter, wenn die Kammeroper untergeht - aber es wird auch nicht gerettet, wenn man stattdessen ein Kindertheater in Köpenick fördert. Der Hauptstadt droht also ab 2011 der Verlust hochkarätiger Aufführungen moderner Opern.