Der Verleger KD Wolff und die Herausgeber Roland Reuß und Peter Staengle hielten Reden, die Schauspieler Martin Wuttke und Ulrich Matthes sowie Dramaturg Hermann Beil trugen Kleist-Texte vor. Festtagsroutine, könnte man meinen. Dabei ist diese Ausgabe ein ziemlich rebellisches Projekt, das an der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft vorbei von einem kleinen Verlag realisiert wurde.

Als Roland Reuß 1986 KD Wolff erläuterte, wie er sich eine historisch-kritische Kleist-Ausgabe vorstellte, war er 28 Jahre alt, hatte noch nicht promoviert und verfügte über keine Referenzen. Trotzdem ließ Wolff sich begeistern. Er brachte in seinem Frankfurter Verlag, der damals noch Roter Stern hieß, die ersten zwei Bände heraus. 1988 reiste er nach Westberlin, um sich die Unterstützung der Kulturverwaltung zu sichern. Damals sollte die Edition noch "Berliner Kleist-Ausgabe" heißen. Doch Wolff wurde höhnisch empfangen: "Zu welcher der Kleist-Cliquen gehören Sie denn?"

Alle Förderanträge wurden abgelehnt - erst recht, als die Mauer gefallen war. Doch das neu gegründete Bundesland Brandenburg bot Hilfe an. Der erste Kultusminister, Hinrich Enderlein, hatte in Tübingen studiert und kannte die Hölderlin-Ausgabe, die 1975 in Wolffs Verlag erschienen war. Er setzte sein Unterstützungsschreiben auf; die historisch-kritische Kleist-Ausgabe wurde zum "Leuchtturm-Projekt". Trotzdem gab es Anfeindungen von vielen Seiten. Die Kleist-Gesellschaft protestierte und Hochschulprofessoren fragten, was die Herausgeber überhaupt legitimiere. "Es war ein richtiger Kampf", erinnert sich Roland Reuß.

Doch es gab auch Umstände, die die editorische Arbeit begünstigten. Nach dem Mauerfall standen osteuropäische Archive offen. Viele Quellen konnten neu, manche erstmals gesichtet werden. Die Edition umfasst alle bekannten Kleist-Texte in originaler Orthographie und Zeichensetzung. Durch die Entwicklung neuer preiswerter Drucktechniken wurde es möglich, viele Dokumente als Faksimiles abzubilden. So erklärt sich der - im Vergleich zu früheren Kleist-Gesamtausgaben - große Umfang der neuen Kleist-Edition.

Die 21 Bände brauchen gut einen Meter Regalplatz. Bei der Festveranstaltung im Berliner Ensemble standen sie gut sichtbar vorn in der Bühnenmitte - links die in blaues Leinen gebundenen Bücher mit den Originaltexten, rechts die rot eingeschlagenen Hefte mit den editorischen Notizen. Auf eine Leinwand im Hintergrund wurde Kleists letzter Brief an seine Schwester Ulrike projiziert: "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war."

Gelesen wurden weniger weltschwere Texte - die Spukgeschichte vom "Bettelweib von Locarno", der Aufsatz "Über das Marionettentheater" und viele Anekdoten aus den Berliner Abendblättern, die von Oktober 1810 bis März 1811 von Kleist herausgegeben wurde. In den Artikeln zeigt sich der Dichter als durch und durch reißerischer Journalist, erzählt von einer bösen Gräfin, deren pompöses Grab von einem Blitz getroffen wird, von einem preußischen Soldaten, der seelenruhig eine Pfeife raucht, bevor er drei Franzosen auf einmal tötet und von einem Mann, der in der Berliner Charité eingeliefert wird, weil er zum dritten Mal von der Kutsche eines Doktors überrollt wird. "Übrigens bessert er sich. Und falls er sich vor den Doktoren, wenn er auf der Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben."

Martin Wuttke, der die Absurdität der Geschichte beim Lesen durch geschickt gesetzte Pausen aufs Köstlichste hervorhob erntete großen Applaus. Auch Hermann Beils und Ulrich Matthes' Lesekünste waren ein Genuss. Der Star dieser Matinee blieben jedoch die Bücher. Wer sich in Zukunft mit Kleist ernsthaft auseinandersetzt, wird an dieser neuen Gesamtausgabe kaum vorbeikommen.

Es war ein richtiger Kampf

Roland Reuß, einer der beiden Herausgeber