Literatur

Corinna Harfouch führt durch Else Lasker-Schülers Leben

Wer sich auf eine Lesung mit Musikeinlage im Café Sarah Wiener gefreut hatte, war an diesem Abend vielleicht zunächst ein wenig enttäuscht. Denn die Veranstaltung unter dem Titel "Gott ist kein Spießer" mit Corinna Harfouch im Rahmen der Ausstellung "Else Lasker-Schüler - Die Bilder" im Hamburger fand nicht, wie die Ankündigung vermuten ließ, direkt im Café statt, sondern in einem angeschlossenen Veranstaltungsraum statt.

Von der von Else Lasker-Schüler so geliebten Caféhausatmosphäre war also während der Lesung nicht viel zu spüren. Die allerdings hätte sich vielleicht auch als störend erwiesen, denn die Reise durch das Leben der Dichterin, das Corinna Harfouch durch eine dichte Textcollage - biographische Anekdoten, Stimmen von Zeitgenossen, Gedichte, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen sowie Briefe von Freunden - nach der Dramaturgie von Ina Voigt zum Leben erweckte, war von großer Intensität. Untermalt wurde das Ganze von Klängen, Geräuschen und Hall des Berliner Elektronikmusikers DJ Shaban.

"Gott ist kein Spießer" war das Credo der Dichterin Else Lasker-Schüler. Es fasst die Gedankenwelt einer ungewöhnlichen Frau zusammen, die als exponierte Vertreterin der Avantgarde und des Expressionismus gilt. In ihrer Phantasie formte sie sich ein Vielvölker-Hebräerland, das sich auch in ihren Zeichnungen niederschlägt. Sie selbst imaginiert sich darin immer wieder als Prinz Jussuf, eine Figur, in der sich Elemente des biblischen Josephs mit denen des Yusufs aus dem Koran verschränken, sich christliche und altägyptische Spuren finden, männliche und weibliche Züge verschmelzen. Für die Nationalsozialisten war eine derart "unspießige" Phantasie einer jüdischen Lyrikerin und Zeichnerin entschieden zu viel: 1937 werden die von der Berliner Nationalgalerie erworbenen Zeichnungen beschlagnahmt. Schon 1933 begibt sich Else Lasker-Schüler nach einem tätlichen Angriff ins Schweizer Exil, von wo aus sie erstmals Reisen nach Palästina und Ägypten unternimmt. Zuletzt verweigert die Schweiz ihr 1939 die Rückreise, fortan lebt sie in Jerusalem.

Dort verliebt sich die Greisin in einen jungen Mann im Alter ihres verstorbenen Sohnes, dessen früher Tod sie in eine tiefe Krise gestürzt hatte, und schreibt ihm glühende Liebesgedichte - Zeugnisse einer Liebe, die den Angebeteten überfordert und die ein gemeinsamer Freund, Werner Kraft, in Tagebuchaufzeichnungen als fehlgeleitete Phantasie einer gebrechlichen alten Frau kommentiert, an deren Launenhaftigkeit er fast verzweifelt - wäre da nicht die Schönheit der Gedichte, befeuert von einer unauslöschlichen Liebesglut.