Das vor 40 Jahren von den 68ern in wilder Ehe mit dem politischen Kabarett in die Welt gesetzte Grips Theater (West), längst schon kein Kieztheater mehr, und das vor 60 Jahren im sozialistischen Ehebett gezeugte und parteibehütet aufgepäppelte Theater der Freundschaft (Ost), schon lange und schon vor der Wende kein braves Rote-Thälmann-Pioniere-Theater mehr.

Dass es im "Theater des Hauses der Kultur der Sowjetunion" zur Welt kam, ist mehr als Symbolik, seine Eltern waren Altkommunisten und Alt-Agit-Propler aus der Moskauer Exilantengruppe: der Gründungsintendant Hans Rodenberg und sein Autor Gustav von Wangenheim, mit dessen "Du bist der Richtige" im Mai 1950 eröffnet wurde. Ein halbes Jahr später erfolgte der Umzug nach Lichtenberg, in die heutige Spielstätte an der Parkaue, eine auf sowjetischen Befehl umgerüstete Schule, und daher gilt der 16. November als "Geburtstag".

"Spiel ins Leben" und "Wir sind schon weiter", "Timur und sein Trupp" und "Das rote Halstuch" hießen die ersten Stücke, dann kamen die Märchen, auch erst die sowjetischen, und 1952 die "Luise Millerin", weil die Bürgertochter im Mittelpunkt stehen sollte, nicht der Adelsspross. Auf Hans Rodenberg folgte später seine Frau Ilse Rodenberg, als Ilse Weintraud erfolgreiche Intendantin in Potsdam, sie leitete das Haus von 1959 bis 1973.

In ihre Amtszeit als Intendantin fällt das Engagement von Horst Hawemann, Absolvent der Moskauer Theaterhochschule Gitis, der von 1966 bis 1978 am Haus arbeitete und ihm als Regisseur (wie als Autor) ein neues Gesicht gab. Dass man für Kinder genau wie für Erwachsene spielen soll, nur besser, war eine der importierten Weisheiten, als wir noch von der Sowjetunion siegen lernten (also bevor Tapeten-Kurt nur noch Erichs Altersstarrsinn gelten ließ), aber richtig und wichtig war daran doch, das Theater für Kinder genau so ernst zu nehmen wie das für Erwachsene, vor allem aber das Kind als Zuschauer nicht nur als Objekt der (sozialistischen) Erziehung zu sehen, sondern als Partner in einem künstlerischen Prozess. "Der Erwachsene weiß nicht alles besser", wusste Horst Hawemann schon 1970. Er und seine Mitstreiter (Ehefrau und Regisseurin Mirjana Erceg, Chefdramaturgin Christel Hoffmann und andere) haben in dieser Zeit den Kurs und die künstlerische Ausstrahlungskraft des Theaters der Freundschaft nachhaltig geprägt. Auch als Ilse Rodenbergs Adept und Parteifreund Klaus Urban die Intendanz übernahm, nach ihm Siegfried Wein.

1991, die Wende verursacht auch Turbulenzen im Berliner Theaterleben, beruft der Senat, der das Schiller Theater kalt abwickelt, den Regisseur und Autor Manuel Schöbel, zu der Zeit der jüngste deutsche Intendant und nun Chef des einzigen Staatstheaters für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Ihm folgt 2005 Kay Wuschek, nachdem Pläne des Senats, die Zuschüsse um die Hälfte zu kürzen, heftige (und erfolgreiche) Proteste hervorrufen.

"Ganze Menschen brauchen ganzes Theater" fordern Mitarbeiter, Zuschauer, Freunde und Förderer des Theaters, das auch seinen recht albernen Interims-Titel (carrousel) ablegt und sich fortan schlicht Theater an der Parkaue nennt. Ein Theater der Freundschaft ist es übrigens immer noch, weil es mit Fantasie und Leidenschaft und mit einem Repertoire zwischen Weimarer Klassik und Gießener Performance-Spektakel seine jungen Zuschauer animiert, Freundschaft zu lernen und zu leben in einer Stadt, die das in ihrer widersprüchlichen sozialen, kulturellen und ethnischen Vielfalt nötig hat.