Und das geht so: Der Künstler Lothar Osterburg baut Modelle in kleinem Maßstab aus Pappe, Dachblech, Styropor, Papier oder eben der braunen Leckerbutter, die sich wie Knetmasse schmiegsam modellieren lässt. Entweder in seinem New Yorker Atelier in Brooklyn, zuweilen auch mit riesigen Gummistiefeln in irgendwelchen Wasserfällen auf Hawaii inszeniert er seine ausgefallenen Szenerien en miniature - um sie dann zu fotografieren.

Ein wenig erinnert seine Technik an die knifflige Arbeitsweise des Berliner Fotokünstlers Thomas Demand, der ebenfalls mit fast perfekten Papiermodellen Realitäten nachstellt, allerdings in absoluter Lebensgröße. Im zweiten Schritt wird das Modell abgelichtet, um so den feinen Grat von Wirklichkeit und Illusion, Wahrheit und Täuschung darzustellen. Demand orientiert sich dabei vorwiegend an politischen und gesellschaftsrelevanten Themen, die medienwirksam waren oder sind: darunter Barschels Tod oder Kindsmissbrauch in NRW. Osterburg arbeitet eher im großen Bereich der Imagination. So viel beide Künstler auch trennt, eines haben sie gemein: Ihren Bildern ist nicht mehr zu trauen.

Druckverfahren es 19. Jahrhunderts

Dabei geht Lothar Osterburg, der seit 22 Jahren in den USA lebt, erst in San Francisco, heute am Hudson, noch einen Schritt weiter als Demand: Er übersetzt die Fotografie wiederum in eine Heliogravüre, ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes künstlerisches Edeldruckverfahren. Nur wenige noch beherrschen diese alte Technik, weil sie sehr aufwendig ist und von vielen wohl auch als unzeitgemäß empfunden wird.

Ohnehin war die Drucktechnik immer schon ein Stiefkind der Kunst, in den meisten Akademien in die dunklen Kellerlabyrinthe verbannt. Die fotografierten Motive überträgt Osterburg mit Hilfe lichtempfindlicher Gelatine auf Druckplatten. Die dünne Schicht wird anschließend bei normalem Tageslicht belichtet. Osterburg lacht und zeigt seine schwarz geränderten Finger. Alles richtige Handarbeit! Das muss ihm erst einmal einer nachmachen, bei all den "sauberen" digitalen Techniken heute. Was Osterburg da macht, ist Kunst als "slow motion", Entschleunigung auf Papier.

Wer Osterburgs schwarzweiße Bilder sieht, die derzeit in der Galerie Moeller Fine Art hängen, wird nostalgisch. Übrigens seine erste Ausstellung in Deutschland, seit er nach Amerika ging. Die Augen muss man fest zukneifen, um zu erkennen, dass es sich um Drucke auf Büttenpapier handelt, so differenziert sind die Blätter in den Farbwerten. Sie sehen eher aus wie uralte Fotos oder gar Filmstills aus den zwanziger Jahren Hollywoods. Nicht verwunderlich, Osterburg studierte neben Druckgrafik auch experimentellen Film an der Hochschule für Bildende Kunst in seiner Heimatstadt Braunschweig. Den Kopf des Künstlers müssen wir uns wohl als übervolles Bilderreservoir vorstellen. Ein Zeppelin schwebt über Timbuktu, Windmühlen drehen sich im Nebel, Segelboote treiben im Eismeer. Es sind absurde, ja verwunschene, tiefe Räume, die wir mit den Augen betreten, und doch sind sie in ihrer Fremdheit irgendwie vertraut. Sie sind nicht genau zu orten - und menschenleer. Lange her, dass wir so entrückte, ferne, exotische Welten gesehen haben. Wie von einem hauchzarten Gazeschleier überzogen, liegt auf allen Motiven eine seltsame Verschwommenheit im Grenzbereich von Realität und Imagination.

Osterburgs fantasievolle Szenerien streifen das Unterbewusste, Träume, Visionen und schöpfen ihre Motive aus Literatur, Erinnerungen, Bildern und Motiven der Kunstgeschichte. Oft, sagt er, sitzt er in seinem Studio, und stellt sich die Frage: "Wie wäre es, wenn..." Und so kommt ein Gedanke zum anderen, bis es " gärt".

Da gibt es herrlich skurrile Ideen ebenso wie abgründige Parallelwelten. In "Flath Earth" ist die Erde so flach wie eine Flunder, dass die Boote am Wasserfall am Ende der Welt einfach herunterfallen. In Timbuktu stehen Gebäude, die doch eher aussehen wie verwachsene Tiere auf Koks. Das Verrückte - die Modelle sind immer aus der Perspektive eines dem Maßstab angepassten Miniatureinwohners fotografiert.

Kunstgeschichte als Vorbild

Osterburgs neueste Arbeiten bauen auf der Kunstgeschichte auf, sie basieren auf Giovanni Battista Piranesis (1720-1778) Radierzyklus "Imaginäre Kerker". Kerkerarchitekturen, die er in albtraumhafte Labyrinthe umwandelte. Die sechzehn Blätter zeigen seltsam entgrenzte, unterirdische Verließe, durchzogen von zahllosen verschlungenen Treppen, Holz- und Zugbrücken, monströsen Maschinerien, Fallstricken oder Henkerskreuzen. In "Downtown Transfer" rattert eine Hochbahn durchs Gefängnis, unschwer als Motiv aus dem New Yorker "public transfer" zu erkennen. Ein düsteres, undurchdringliches Universum, voller Rätsel. Viele der in die Szenerie hinein gestellten Objekte sind freilich ein Inventar Osterburgs, im Original Piranesis tauchen sie nicht auf.

Um die Druckplatte mit ihren verschiedenen Tiefenschichten und Ätzungen herzustellen, braucht es manchmal mehrere Tage. Die Methode ist derart schwierig zu verstehen, dass Osterburg seinen silbernen Laptop mitsamt der Powerpoint-Präsentation auf den Tisch hievt, um dem Besucher das langwierige Prozedere mit lauter Pfeilen zu demonstrieren. Das Equipment hat seinen Grund, der Wahlamerikaner unterrichtet "Printing" am Bard College sowie an der Cooper Union in New York. Auch eine Kupferplatte wird zur Demonstration herausgeholt.

"Ja", sagt Osterburg, "meine Sachen wirken nostalgisch, ich benutze ein historisches Verfahren, bleibe stilistisch aber nicht dem 19. Jahrhundert verhaftet, sondern ich bin zeitgenössisch, da ich in die Gegenwart hinein interpretiere." Genau diesen Ansatz sah wohl auch die Jury des renommierten New Yorker Guggenheim Stipendiums, als sie dem 1960 geborgenen Braunschweiger im vergangenen Jahr ein Arbeitsstipendium verlieh. Osterburg lebt heute von seiner Kunst, das war nicht immer so. Doch pragmatisch wie er stets war, verdiente er sein Geld als Drucker mit einem Acht-Stunden-Tag, arbeitete für die legendäre "Crown Point Press" mit Aufträgen von Künstlern wie John Cage oder Tony Cragg. Nach seiner Ausstellung hier in Berlin geht es weiter an die ligurische Küste, dort tritt er ein neues Forschungsstipendium an. Die Druckerei hat schließlich viele Facetten. Dolce vita auf der Druckplatte? Nicht schlecht.

Moeller Fine Art Berlin, Tempelhofer Ufer 11, Kreuzberg. Tel. 252 940 83. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 19. März.