Darin deponierte der Uhrmacher am 7. November eine selbstgebaute Zeitbombe. Die explodierte am folgenden Tag pünktlich um 21.20 Uhr. Acht Menschen starben, nicht jedoch Adolf Hitler, der seine Rede vor Alten Kameraden viel früher als geplant beendet hatte, da er wegen schlechten Wetters statt mit dem Flugzeug per Bahn zurück nach Berlin musste.

Elsers Tat, die - zwei Monate nach Kriegsbeginn - den Lauf der Geschichte hätte ändern können, geriet in Vergessenheit. Das westliche Deutschland gedachte lieber der Stauffenberg-Verschwörung, das östliche vermochte aus dem schwäbischen Einzelgänger keinen ideologischen Saft zu pressen.

Die Geschichte funkte dazwischen

Selbst das Datum hatte sich gegen ihn verschworen. Als dieses Land Vergangenheit zu zelebrieren begann, warf stets der 9. November übermächtige Schatten: 9.11.1918 (Abdankung des Kaisers), 9.11.1938 (Reichspogromnacht), 9.11.1989 (Mauerfall). Und eigentlich gehört auch des 9. November 1967 gedacht, als Studenten erstmals ein Plakat mit dem Slogan "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren" entrollten.

Selbst als endlich ein Film über Elser gedreht worden war, funkte die Geschichte dazwischen. Der Anstoß hatte, wie bei "Holocaust", von außen kommen müssen, ein historisch ungenauer Roman des Engländers Stephen Sheppard über Elser ("The Artisan"), den die Produktionsgesellschaft Hemdale erwarb, die gerade mit dem "Terminator" reich geworden war.

Als Elser schaute sich Hemdale Klaus Maria Brandauer aus, der mit dem Nazi-Karrieristen Hendrik Hoefgen in "Mephisto" berühmt geworden war. "Ja, das hat mich damals interessiert", sagt er heute. "Ich wollte wissen, ob mir das auch hätte passieren können. Und ich bin sehr froh, dass ich bis heute nicht weiß, ob ich wirklich die Hand für mich ins Feuer legen könnte."

Elser war für Brandauer nun die Chance, den Gegenpol zu verkörpern: einen Stillen, einen weit weg von der Macht, der aber viel besser als die im Zentrum begreift, welch ein Verhängnis da auf sein Land zurollt. Brandauer hatte Elser schon ausrecherchiert, da kam der Anruf des für den Film vorgesehenen Regisseurs John Frankenheimer: Der Dollar sei ins Bodenlose gefallen, das Projekt abgesagt. Monate gingen ins Land, der Dollar stieg wieder, dann ein zweiter Anruf, von Hemdale-Chef John Daly persönlich: Ob Brandauer immer noch Lust habe? "Natürlich! Und wer führt Regie?" Darauf Daly: "Du!"

Brandauer hatte noch nie hinter der Kamera gestanden, aber wie könnte ein Künstler, dem das Motto "Größenwahn ist mein ständiger Begleiter" zugesprochen wird, einem solchen Angebot widerstehen? Außerdem arbeitete seine Frau Karin als Regisseurin, und dies war die Chance zur innerehelichen Emanzipation: "Da dachte ich: Jetzt inszenierst du auch einen Film!", erinnert sich Brandauer augenzwinkernd.

Sein "Georg Elser - Einer aus Deutschland" ist ein untypischer Brandauer geworden. Der Schauspieler der großen Gesten und emphatischen Sprache hat sich seiner Figur angepasst, die verschlossen ist und wortkarg; wenn es hoch kommt, fallen in diesen 100 Minuten 200 Sätze. Die Bilder erfüllt ein gelblich-warmes Licht, und es gibt nicht viele Filme - ein anderer ist Edgar Reitz' "Die Reise nach Wien" - in denen man ein so gutes Gefühl dafür bekommt, was Alltag im Nazi-Deutschland bedeutete.

"Georg Elser" gewann zwei Deutsche Filmpreise und wurde doch wieder unwilliges Opfer eines 9. November. Er kam drei Wochen vor dem Mauerfall ins Kino, als Deutschland schon zu sehr damit beschäftigt war, neue Geschichte zu schreiben, um alte zu würdigen.

Kein Denkmal erinnert an Elser

"Kein Denkmal erinnert an Georg Elser", steht am Ende des Abspanns, und wirklich lässt sich über seine Tat diskutieren. Vor zehn Jahren sprachen ihm Politologen des Hannah-Arendt-Instituts das moralische Recht auf das Attentat ab, da er den Tod Unschuldiger in Kauf genommen habe. "Ja, Elser war ein Mörder von Unschuldigen", konzediert Brandauer. "Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Hier geht es um Verhältnismäßigkeit: Ist der Tyrannenmord, bei dem auch Schuldlose umkommen, gerechtfertigt?"

Brandauers Film, der in einer restaurierten Fassung morgen in Berlin in einer Gala-Vorstellung gezeigt und von novapool pictures neu in die Kinos gebracht wird, bejaht diese Frage eindeutig. Brandauer hat für Elser sogar eine schwangere Freundin erfunden, und das nicht, weil die Amis immer eine Freundin für den Helden verlangen: "Ich fand es einen schönen Gedanken, wenn sich jemand, der wegen seines Menschseins umgebracht wurde, fortpflanzt. Zivilcourage sollte sich multiplizieren." Und dann erzählt er von der Premiere in Heidelberg, nach der ihn ein Unbekannter angesprochen habe: "Übrigens, ich bin dem Elser sein Sohn." Manchmal erfüllt die Realität die Wünsche der Fiktion. Von wegen Pechvogel.