Theater

Eine Frau sucht ihr Glück und findet Madame Bovary

Aus dem Stand startete Julischka Eichel 2007 in eine steile Theaterkarriere. Die Weimarer Inszenierung "Krankheit der Jugend", in der sie die junge Liebende und Hure Lucy spielte, war zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen eigentlich Regisseur Tilmann Köhler und die fünf Schauspieler, mit denen er direkt von der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" nach Weimar engagiert worden war. Julischka Eichel gehörte nicht zum festen Kern der Truppe - aber sie fiel auf. Schauspielerkollegin Martina Gedeck fand das Spiel der 1981 Geborenen "ganz außergewöhnlich" und verlieh Julischka Eichel den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die beste Nachwuchsleistung.

"Schier unerschöpflich scheint ihre schauspielerische Fantasie, mit der sie das Zentrum, das Wesen ihrer Lucy zum Leuchten bringt", lobte Martina Gedeck. Der Anerkennung folgten die Angebote: aus Weimar und vom Maxim Gorki Theater Berlin. Dort ist Julischka Eichel seit der Spielzeit 2007/08 fest engagiert. "Das war gut", sagt sie beim Cappuccino in der Kantine, und ein wenig meint man ihre Erleichterung auch jetzt noch zu hören. "Das war gut." Nach dem Abschluss ihres Studiums 2006 hatte sie kein Engagement, erarbeitete mit dem befreundeten Regisseur Kai Ohrem einen Soloabend im Berliner Off-Theater Eigenreich, um etwas zu tun zu haben. Und dann stand sie plötzlich im Rampenlicht.

Befreiung von den Rollenfächern

"Es hat mich schon etwas durcheinander gebracht und verängstigt - die Erwartungen, die man zu verspüren glaubt, vielleicht selbst projiziert; da habe ich eine Weile gebraucht, um damit fertig zu werden." Ihre Finger kreisen auf der Tischplatte, sie kneift die Augen zusammen. Wie ist sie damit fertig geworden? "Hier am Gorki war viel zu tun. Die Zeit vergeht und man konzentriert sich auf die Arbeit, die man gut machen will, die einen bewegt." Sie überlegt, zuppelt an den Ohrringen aus blauen Perlen und Strass. "Vielleicht hat es auch etwas mit Verdrängung zu tun." Julischka Eichel wäre Psychologin geworden, hätte das mit der Schauspielerei nicht geklappt.

Ihre Rollen sieht sie auch als Lernanlässe. Mit ihnen wächst ihr Spiel, mit ihnen wächst sie selbst. Die Lucy in "Krankheit der Jugend" war für sie eine Befreiung vom Denken in Rollenfächern, das an der Schauspielschule gelehrt wurde. Tilmann Köhler entwickelte die Figurenbeziehungen aus dem Spiel heraus, Szene für Szene. "Das war dann so Gott sei Dank - wie frische Luft", sagt Julischka Eichel heute. Die Sabeth in Armin Petras' "Ödipus auf Cuba", einer Adaption von Max Frischs Roman "Homo Faber", nutzte sie, um sich am Gorki die große Bühne zu erobern und neben einem erfahrenen Kollegen wie Peter Kurth nicht vor Ehrfurcht zu erstarren. Der jugendliche Energieüberschuss ihrer Figur entlud sich in unbändigen Körperaktionen: Sabeth überfiel ihren Freund mit Küssen, erfand einen wilden Mix aus Tanzstilen und schlitterte im Bikini bäuchlings über die nasse Bühne.

Mädchenhaft und fraulich zugleich

Die Ophelia in Tilmann Köhlers "Hamlet" wiederum war für sie persönlich eine Bereicherung. Zur eigenen Liebe zu stehen, auch wenn man nicht mehr geliebt wird: "Das fand ich toll von der Ophelia." Julischka Eichel sitzt mittlerweile mit dem Rücken zu den Kollegen in der Kantine, die Hände an der Heizung, ganz den Fragen und ihrem Denken zugewandt. "Es hat hier auch etwas geweitet" sagt sie und legt einen Finger an die Stirn. "Dass man sich nicht klein fühlt, weil man liebt." Ihre Ophelia war und blieb selbstbewusst, sie sprühte vor Einfällen. Pantomimisch umrankte sie die warnenden Worte ihres Bruders - pflückte ein Veilchen, hüpfte beim Namen des geliebten Hamlet wie ein begeistertes Kind über die Bühne, hielt sich die Ohren zu, als ihr Bruder von der Liebelei abriet. Julischka Eichel gab ihr das ungelenk Sehnende eines verliebten Teenagers, und eine sture Treue, die Ophelias Wahnsinn als Flucht und Ausweg verständlich machte.

Weitläufig waren Ophelia, Sabeth, Lucy oder auch die Jessica aus "Der Kaufmann von Venedig" miteinander verwandt: Grenzgängerinnen zwischen Naivität und Weltwissen, Kindfrauen zwischen arglosem Überschwang und abgeklärter Erfahrung. "Es sind schon eher die Gefühlsfrauen, die ich spiele", sagt die 29-Jährige, die selbst zugleich mädchenhaft und fraulich wirkt - die kurzen Fingernägel knallrot lackiert, zerzaustes rotblondes Haar und eine verspielt-strenge Rüschenbluse zu Jeans und hohen Stiefeln. "Ich will mich aber nicht in eine Schublade stecken", sagt sie und setzt hinzu: "Natürlich ähneln sich die Figuren. Das bin ja ich, ich kann mich ja nicht ständig neu erfinden."

Vielleicht nicht ständig, aber man gewinnt den Eindruck, dass sich ihr Rollenprofil seit etwa einem Jahr verändert. Julischka Eichel ist keine Berufsanfängerin mehr, und vielleicht stürzt sie sich nicht mehr ganz so schonungslos hinein in die Rollen, ins Spielen und ins Improvisieren. Nun spielt sie auch mal eine karrierebewusste Bussi-Bussi-Beraterin, wie in Armin Petras' Nachwendestück "we are blood": Ständig am Handy, turboquasselnd und trendig. Der realistische Ton stand ihr gut.

Im Moment steckt Julischka Eichel in den Endproben für ihre allererste Titelrolle, die "Madame Bovary". Emma Bovary ist eine Suchende, Fragende, eine Haltlose, die sich unverstanden fühlt. Nach einem mondänen Leben sehnt sich die junge Landarztgattin, sie beginnt Affären und verschuldet sich heillos. Sehr modern wirkt die Romangestalt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts für Julischka Eichel. "In ihr ist eine große Leere, sie merkt, dass die Illusionen vom Glück nichts mit ihr zu tun haben. Ihr Wissen darum ist geprägt von äußeren Dingen." Ganz nah scheint ihr diese Figur zu kommen. "Bei 'Madame Bovary' kann man sich nicht verstecken als Person. Selbstverwirklichung ist immer ein Thema: Wie werde ich glücklich, wie lebe ich mein Leben? Es gibt immer mehr Fragen - ob für Emma oder Julischka." Zu sehen sind beide ab Sonnabend am Maxim Gorki Theater.