Wettbewerb: El Premio

Viel Verrat und kein einziges Geheimnis

Ein Mädchen am Strand. Es ist grau, die Wolken hängen tief, nass ist es und wahrscheinlich kalt. Das Mädchen hat Rollschuhe an den Füßen. Es hinkt, es stolpert, es fällt. Es ist ein Symbol. Cecilia heißt das Mädchen. Mit seiner Mutter hat es sich - es muss Ende der Siebziger sein - in eine kleine, winddurchtoste Strandhütte geflüchtet.

Einen Koffer haben sie dabei. Und ein paar Erinnerungen an Straßen, auf denen man noch Rollschuhlaufen konnte, und an den Vater, der wohl wie Zehntausende mit ihm in einem der Folterkeller des Regimes von General Jorge Rafael Videla verschwunden ist. Seitdem machen sich Mutter und Tochter am Strand, am Rand der argentinischen Welt unsichtbar.

Cecilia ist ein bisschen jünger als die Regisseurin und Drehbuchautorin Paula Markovitch. Aber die Geschichte, die sie in "El Premio" erzählt, ist schon sehr die ihre. Sie war acht Jahre alt, als Videla an die Macht kam. Cecilia ist sieben.

Es ist eine Geschichte von Verrat und Ehrlichkeit, davon, was eine Diktatur in Familien, zwischen Müttern und Töchtern, in den Seelen von Kindern anrichtet. Das Versteckspielen hört auf und fängt erst richtig an, als Cecilia in die Schule darf. Und mit der Schule, mit den Gebeten, den Liedern, die Cecilia in die Hütte trägt, dringt auch die Diktatur ein. Und verändert alles. Bis Cecilia einen Aufsatz schreibt zum Lob von Soldaten und Vaterland, für den die Armee einen Preis ausgeschrieben hat.

Paula Markovitch ist immer sehr nah dran an den Figuren. Sie lässt sich bis zur Zähigkeit Zeit ihnen durch ihre graue Welt zu folgen. Eine gute Stunde lang sieht man dem trotzdem und randgerührt gerne zu. Dann aber wird immer lähmender offenbar, dass es ausgerechnet diesem Film, der sich derart um Geheimnisse und Verrat dreht, an Geheimnis mangelt. Weil Paula Markovitch ihren schmalen Symbolvorrat wie auf einem Silbertablett durch ihren Film trägt. Und sie tut das so lang, bis auch der letzte begriffen hat, worum es ihr mit den Rollschuhen, den Meerbildern, den Klängen des verstimmten Klaviers geht. Am Ende darf Cecilia auch noch in die Arme des durchaus intakt wirkenden Vaters fliegen. Es gibt Filme, die sollten mindestens eine Viertelstunde vor ihrem Ende zu Ende sein. "El Premio" gehört dazu.

12.2., 15 und 22.30 Uhr, Friedrichstadtpalast, 12.2., 22.30 Uhr, Urania; 13.2., 12 Uhr, Berlinale Palast