So wirkungsmächtig wurde diese einseitige Deutung, dass ein britischer Autor Jahrzehnte später sein Buch über Pius XII. schlicht "Hitlers Pope" nannte. Der deutsche Verlag immerhin milderte den Titel ab zu "Der Papst, der geschwiegen hat".
Gegen diese fest gefügte Ansicht tritt jetzt die ARD an und zeigt heute die deutsch-italienische Koproduktion "Pius XII.". Genauer: Der Bayerische Rundfunk tut das, der für die Berichterstattung aus dem Vatikan zuständig ist. Kaum vorstellbar, dass etwa der WDR eine solche Produktion vorangetrieben hätte.
Genau dokumentierter Zeitraum
Dabei beschränkt sich Regisseur Christian Duguay klugerweise auf einen genau dokumentierten Zeitraum, nämlich das knappe Jahr zwischen dem ersten Luftangriff alliierter Bomber auf Rom im Juli 1943 und die Befreiung Roms Anfang Juni 1944. In dieser Zeit rettete die katholische Kirche ohne jeden Zweifel das Leben zehntausender italienischer Juden, die sich mit päpstlicher Erlaubnis in Klöstern und Kirchen verstecken konnten, als deutsche Einheiten sie zusammentreiben und deportieren wollten.
Natürlich folgen die Drehbuch-Autoren Fabrizio Bettelli und Francesco Arlanch den üblichen Erwartungen an zeithistorische "TV-Events": Es gibt neben der belegten historischen Rahmenhandlung eine erfundene emotionale Story, die selbstverständlich von einer jungen Frau handelt, die sich zwischen zwei jungen Männern entscheiden muss. Der eine, ein jüdischer Schwarzmarkt-Händler, mausert sich zum uneigennützigen Retter, während der andere, ein katholischer Salonbolschewist mit kontraproduktiven Gewaltfantasien, sein Leben schließlich opfert. Hinzu kommen Heldenfiguren wie der einfallsreiche Kloster-Prior, der nur der Nächstenliebe dient, und Schurken wie ein in jeder Hinsicht bösartiger SS-Offizier.
Spannender als diese üblichen Ingriedenzien jeder größeren Fernsehproduktion ist aber das Bild, das Duguay von Pius XII. zeichnet. Wohl keine historische Figur von Weltrang stürzte so kurz nach ihrem Tod vom hoch geachteten Vorbild zum Verdammten wie Eugenio Pacelli, wie der Papst mit bürgerlichem Name hieß. Das war die Folge von Hochhuths Stück, das eine einzige Anklageschrift war und ist. Sie kreist um das Schicksal des fiktiven Priesters Riccardo Fontana sowie um den Versuch des gläubigen Christen und SS-Offiziers Kurt Gerstein, den Massenmord an Europas Juden durch gezielte Informationen an den Vatikan zu sabotieren.
Fontana dringt in dem Stück auch zum Papst vor, doch der tut nichts. Darauf lässt Hochhuth den verzweifelten Jesuiten schimpfen: "Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert, die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der nach den letzten Menschen dieser Erde erschauern lässt: Ein solcher Papst ist ein Verbrecher."
Quasi im Alleingang zerstörte Hochhuth das bis dahin hohe Ansehen des 1958 verstorbenen Papstes. Zudem agierte der Vatikan äußerst ungeschickt. So sind die Akten aus der Amtszeit von Pius XII. noch immer nicht für die Forschung freigegeben; nur eine Auswahl in elf Bänden wurde vorgelegt. Daher hat sich Hochhuths Behauptung vom "Papst, der schwieg" in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend durchgesetzt.
Dagegen setzt der TV-Zweiteiler ein anderes, sehr viel mehr an der Wirklichkeit orientiertes Bild. Es zeigt einen zaudernden Papst, der vielfach versuchte, mit Andeutungen in seinen Radioansprachen die Welt aufzurütteln, der aber gleichzeitig fürchtete, mit klareren Interventionen das Schicksal der verfolgten noch zu verschlimmern. Nicht in allem ist das Drehbuch historisch exakt. Nicht 40 000 Juden schickte die deutsche Besatzungsmacht als Reaktion in den Tod, sondern "nur" 114, wie der katholische Kirchenhistoriker Karl-Joseph Hummel richtig stellt.
Dies ändert aber ebenso wenig wie manche übertriebene Dramatisierung, die dem Medium Fernsehen geschuldet ist, an der grundsätzlichen Richtigkeit der Darstellung von Pius XII. Jedenfalls ist der Zweiteiler bedeutend näher an der historischen Realität als die Verfilmung von Hochhuths Drama durch Constantin Costa-Gavras.
Unkluges Agieren der Kirche
Das verfestigte Vorurteil über den Papst im Zweiten Weltkrieg wird der neue TV-Film kaum ankratzen können. Natürlich erreicht Duguay nicht die gleiche Eindringlichkeit wie Costa-Gavras. Auch die bewusst als Ehrenrettung konzipierte Ausstellung über Pius XII., die der Vatikan 2008 unter anderem in Berlin zeigte, hat dieses Ziel nicht erreicht. Die einzige Möglichkeit, zu einer wirklich sachlichen Bewertung dieses Papstes zu kommen, ist Aufklärung und damit Offenheit.
Erst wenn alle Bestände über Pius XII. in den vatikanischen Archiven für Wissenschaftler zugänglich sind und damit die Fakten auf dem Tisch liegen, könnte es zu einer Revision von Hochhuths Attacke kommen. Mindestens solange sollte auch das laufende Seligsprechungsverfahren ruhen. Doch Benedikt XVI. tut gegenwärtig das Gegenteil: Er treibt die Beatifikation seines Vorgängers voran, ohne die Akten freizugeben. Klug ist das nicht.
Heute, ARD, 20.15 Uhr.

