Konzertkritik

Keith Jarrett ernst und einsam in Berlin

Da waren wieder einmal alle Generationen versammelt: Weißhaarige Kerle mit Zöpfen warteten in der Berliner Philharmonie. Und Mädchen um die zwölf in schimmernden Hosenanzügen. "Extra angereist? Aus Kiel? Ich aus Stuttgart." Solch eine breite und engagierte Fangemeinde, bei Ticketpreisen zwischen 70 und 170 Euro, haben nicht einmal die Stones.

Keith Jarrett wurde hier erwartet, der Hohepriester der improvisierten Musik. Er gab sein zweites Konzert in Deutschland seit mehr als 15 Jahren. Und weil es noch etwas zu feiern gab, stellte er sich zuerst ans Mikrofon: "Ich danke Manfred für seine Fürsorge und Freundschaft." Gemeint war Manfred Eicher, der Kopf der Plattenfirma ECM, die gemeinsam mit Jarrett aufgestiegen ist, die sein legendäres "Köln Concert" veröffentlicht hat und nun ihr 40-jähriges Jubiläum feiert.

Keith Jarrett spielt heute eine improvisierte Musik am Klavier, die nichts mit Jazz zu tun hat. Man hört da mal Mussorgsky heraus, mal den späten Schubert, manchmal ausladende gleichmäßige Läufe, wie sie zuletzt nur Arturo Benedetti Michelangeli leisten konnte. Vor allem aber hört man viel Jarrett, der sich am eigenen Klang abarbeitet.

Alles am Gestus dieses Pianisten ist priesterlich, er setzt die Sakralmusik mit anderen Mitteln fort. Dazu gehören in letzter Zeit immer absurdere Allüren: Als jemand in Berlin hustet, folgt eine Rede über die Welt draußen und ihren Mangel an Konzentration, die er schon 2007 in Frankfurts Alter Oper hielt. Dann unterbricht der Maestro das Konzert, weil ein Ton ihm nicht sauber gestimmt erscheint. Ein Klavierstimmer muss unter Lachen und Jubel der 2400 auf die Bühne. Als dann ein Fan fotografiert, unterbricht Jarrett wieder und verlangt, dass er die Kamera über den Gang hinweg einem anderen gebe.

Auch Götter haben offenbar ihre Probleme. Jarrett fühlte sich vielleicht einsam auf dem Olymp der improvisierten Musik, langweilte sich dort und wurde langsam zur Nervensäge. Das zunehmend Divenhafte dieses Künstlers hängt sicher mit seinem Ringen um Ausdruck zusammen. Jarrett möchte mit seiner Musik sprechen, etwas sagen, sonst würde er nicht ab und zu wieder absetzen und mit dem Publikum reden. Ton und Wort gehen ineinander über. Als einmal jemand aus dem Publikum ruft "Fühl Dich wie zu Haus", spielt er eine Art leichten Boogie.

Sonst aber kämpft er mit seinen Ideen, bricht Angefangenes ab, grübelt, rennt auf und ab, verbirgt kaum seine Wut auf sich und die Welt. Er spielt auf allerhöchstem Niveau und findet sich selbst doch nicht. Jarretts Musik ist großartig, lässt aber den Fan immer häufiger ratlos zurück.