Migration

Durchlöchert: Das Mahnmal vor dem Tor

Sind wir am Meer? Neun morsche Fischerboote stehen übereinandergestapelt am Brandenburger Tor. 14 Meter hoch ist diese Installation "At Crossroads", die die griechische Künstlerin Kalliopi Lemos - in Kooperation mit der benachbarten Akademie der Künste - hier installierte.

Der historisch aufgeladene Platz ist passend, zumindest aus der Sicht Lemos', denn sie hat ein politisches Anliegen und spielt in ihrer Arbeit nicht nur auf das 20. Mauerjubiläum an, sondern allgemein auf die neuen Grenzen der Welt, - auf das Problem Migration. "Berlin ist im Zentrum Europas, eine Einwanderungsstadt, hier werden wichtige Entscheidungen getroffen", sagt sie.

Die Besucher können unter den kopfüber verankerten Booten hindurchwandern, sich die Lebensspuren, die dort hinterlassen wurden, angucken. Die Idee für diese Arbeit lag nahe. Fast täglich liest die Griechin in der Zeitung, dass ihr Heimatland - wie Italien auch - mit zunehmenden Flüchtlingsproblemen zu kämpfen hat. Tag und Nacht erreichen wackelige Holzboote mit erschöpften Menschen das südöstlichste Mitgliedsland der EU. Griechenland hat mit seinen annähernd 10 000 Inseln die längste Küste Europas. Die meisten Schiffe mit den Flüchtlingen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten legen in der Türkei ab.

Irgendwann entdeckte die Künstlerin also einige diese gestrandeten Schiffskörper am Strand, leer, voller Löcher - an einigen standen noch die Namen auf den Planken. Schleuser-Container zwischen den Welten. In diesen Booten sah die Künstlerin alles: Hoffnungen, Ängste, zerbrochene Illusionen, Tod, Krankheit, Verlust der Identität - aber auch neue Lebenswege. Oft wird Künstlern vorgeworfen, sie reagierten viel zu spät auf gesellschaftliche Situationen. Kalliopi Lemos gehört definitiv nicht dazu. Auch wenn einigen Besuchern die "Bootspeople"-Skulptur vielleicht zu befremdlich ist, anderen zu folkloristisch oder spirituell - einen Anstoß zum Nachdenken über die Probleme unserer Zeit gibt sie allemal.

At Crossroads , vor dem Brandenburger Tor. Bis 30. Oktober. Dokumentation im Foyer der AdK, Mo-So 10-22 Uhr.