Serie: 40 Jahre "Tatort", Folge 2

Ermittlungen auf der Transitstrecke

Ein Kreuzberger Hinterhof im Jahr 1976. Schwarze Katzen streunen zwischen Mülltonnen. Und ein schlaksiger junger Kerl in Schlaghosen stromert durch die Gegend, beobachtet eine junge Frau, die in dem Mietshaus wohnt, um sich erst deren Sympathie und dann ihre Liebe zu erschleichen.

Der Typ heißt Horst Bremer. Und wird gespielt von Marius Müller-Westernhagen. Er überredet die Kneipenkellnerin (Gisela Dreyer) mit List und Lügen, als Doppelgängerin bei einem Fluchthilfe-Coup mitzumachen - für 5000 Mark Honorar. Doch das Schleuserunternehmen geht schief. Eine Leiche wird auf einem Rastplatz im Transit aufgefunden. Und ein Fernschreiben aus der DDR ruft den West-Berliner Kommissar Schmidt auf den Plan.

"Transit ins Jenseits" ist eine der außergewöhnlichsten und spannendsten frühen Tatort-Folgen, die der damalige Sender Freies Berlin im Dezember 1976 ausstrahlte. Es war der zweite von drei Berliner Tatorten, in denen der heute kaum noch bekannte Schauspieler und Synchronsprecher Martin Hirthe, gestorben 1981, als Kommissar Schmidt ermittelte. Und der mit viel Zeitkolorit und charmanter Patina einen Kriminalfall vor dem Hintergrund der deutschen Teilung erzählt. Wobei der größte Teil der Handlung nicht in Berlin, sondern auf der Transitstrecke zwischen den Grenzübergängen Dreilinden und Rudolphstein spielt, was das Team damals vor große Herausforderungen stellte. Auf DDR-Gebiet konnte nicht gedreht werden, deshalb wich man auf ein stillgelegtes Stück Autobahn in der Nähe des alten Kontrollpunktes Töpen-Juchhöh in Bayern aus. In der damals geteilten Gemeinde Mödlareuth, die zu Töpen gehört, findet auch der Showdown statt. Die Volkspolizei war beim Dreh immer in der Nähe. Martin Hirthe erzählte damals: "Wir wurden dauernd von Vopos beobachtet. Sie standen auf den Wachtürmen und sahen uns mit Ferngläsern zu." Westernhagen stand noch am Anfang seiner Karriere. Sein LP-Debüt "Das erste Mal" war gefloppt, er hatte einen kleinen schlagerhaften Hit mit "Marion aus Pinneberg", doch noch im selben Jahr, in dem dieser Tatort ausgestrahlt wurde, stand er in Peter F. Bringmanns Film "Aufforderung zum Tanz" erstmals als Zocker Theo vor der Kamera, vier Jahre später brachte ihm die Fortsetzung "Theo gegen den Rest der Welt" den Durchbruch. Als Musiker schaffte er es 1978 mit "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" zum Star. In "Transit ins Jenseits" ist er der Kleinkriminelle Horst, der mit seinem kruden Komplizen Martin eine junge Frau aus der DDR im gemieteten Opel Admiral in den Westen bringen soll. Martin, der windige Fotograf mit Labor in der Charlottenburger Droysenstraße, wird gespielt von Götz George.

Wer jemals mit dem Auto West-Berlin Richtung Bundesrepublik gefahren ist, kennt die Szenen nur zu gut. Das nervenzerrende Warten am Grenzübergang, der stoische Blick auf den Tacho, weil nach jeder Brücke die Volkspolizei lauern könnte. Und die erlösende Tasse Kaffee im Rasthof Frankenwald in Hof. Dabei verhält sich der Fernsehfilm von Drehbuchautor und Regisseur Günter Gräwert neutral und lässt das Thema Fluchthilfe in seiner politischen Tragweite weitgehend unberücksichtig. Es bleibt ein spannender Kriminalfall, in dem ein krimineller Loser versucht, nach einem Todesfall im Transit auch noch die einzige Zeugin aus dem Weg zu räumen. Und in dem auch der Münchener Tatort-Kollege Kommissar Veigl, gespielt von Gustl Bayrhammer und assistiert von Helmut Fischer, Amtshilfe leistet.

Transit ins Jenseits (Ausstrahlung: 5.12.1976) Regie: Günter Gräwert; Buch: Jens-Peter Behrend; Günter Gräwert. Darsteller: Martin Hirthe (Kommissar Martin Schmidt), Ulrich Faulhaber (Kommissar Hassert), Gustl Bayrhammer (Gastkommissar Veigl), sowie Marius Müller-Westernhagen, Götz George, Gisela Dreyer, Gerd Baltus, Helmut Fischer