"Kreativität darf nicht von Angst beherrscht sein"

Typisch Regisseur. Kay Kuntze formuliert gern griffige Bilder, die selbst der begriffsstutzigste Sänger verstehen kann.

Typisch Regisseur. Kay Kuntze formuliert gern griffige Bilder, die selbst der begriffsstutzigste Sänger verstehen kann. Jetzt spricht er "von einem U-Boot, das immer mal kurz im Berliner Kulturbetrieb auftaucht". Die Rede ist von der Berliner Kammeroper, deren künstlerischer Chef Kuntze ist und die gerade ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Und das mit einem bemerkenswerten Festival, bei dem fünf Produktionen der letzten Jahre gezeigt werden. "Die Oper ist das abendländische Kraftwerk der Künste", sagt Kuntze und fügt mit Blick aufs Regietheater hinzu: "Auch wenn sich die Oper oftmals auf dem schmalen Grat zwischen Langeweile und Blödsinn bewegt."

In den zweieinhalb Jahrzehnten, so viel Statistik muss sein, hat die Kammeroper immerhin 63 Premieren gewagt, zehn Produktionen waren Uraufführungen, viele weitere Deutsche Erstaufführungen. Es handelte sich durchweg um Berliner Erstaufführungen. Kuntze versteht sich nach wie vor als ein Trendmacher. Er glaubt, die Händel-Renaissance in Deutschland sei durch die Berliner Kammeroper mitgetragen worden. Piazzollas "Maria de Buenos Aires" hat man bereits 2002, also vor der vielbeachteten Groß-Premiere an der Komischen Oper, auf die Bühne gestemmt. (Beiläufig angemerkt: Andreas Homoki, jetzt Intendant der Komischen Oper, hat seine allererste Regie-Assistenz 1984 bei der Kammeroper absolviert.) Die Tangooper der Kammeroper wird jetzt auch im Jubiläumsfestival wieder gezeigt.

Besonders stolz scheint Kuntze auf die Wiederbelebung des Barockkomponisten Reinhard Keiser zu sein. Vier Produktionen stehen in den Annalen der Kammeroper, allesamt mühsam edierte Ausgrabungen in der Staatsbibliothek. Mittlerweile ist Keiser auch anderswo angesagt. Die Barockoper ist ein Trend, sagt Kuntze, "weil unser Leben immer schneller, aber in der Barockmusik gerade der Augenblick ausgekostet wird." Das Repertoire der Kammeroper besteht zu Dreivierteln aus Zeitgenössischem und zu einem Viertel aus Barockoper. Das ist Tradition.

Die Kammeroper ist ein Westberliner Kind des Widerspruchs. Die Kammeroper und die Neuköllner Oper waren die Alternativen zur etablierten Deutschen Oper des übermächtigen Regie-Intendanten Götz Friedrich.

Der gebürtige Berliner Kuntze ist selbst ein Regiestudent Friedrichs in Hamburg gewesen. Von ihm habe er gelernt, dass sich "ein Regisseur nie vor das Stück stellen darf". Kuntze, der bereits seit zehn Jahren die Kammeroper künstlerisch begleitet, ist aber erst seit 2002 ihr Chef. Der eine Gründer, Henry Akina, war Mitte der Neunziger nach Hawai zurückgekehrt und ist seither in Honolulu Intendant, der andere Gründer, Dirigent Brynmor Jones, macht jetzt vor allem Filmmusik. Seit der Wiedervereinigung sei es etwas schwieriger geworden, sagt Kuntze, jetzt habe die Stadt drei große Opernhäuser und "ein Kuddelmuddel an Neugründungen und Auflösungen" kleiner Gruppen.

Genau genommen, ist Kuntze Chef eines Drei-Mann-Unternehmens oder U-Boots, welches sich für zwei Projekte pro Jahr Künstler und Techniker verpflichtet. Darüber hinaus zieht der Regisseur in eigener Sache durch die Lande. Seine nächste Produktion ist Gounods "Faust" in Freiberg - seit dieser Spielzeit ist er Chefregisseur des Mittelsächsischen Theaters. Noch nicht spruchreif sind Kooperationen der beiden Institutionen.

Aus Freiberg rief ihn kürzlich seine Ausstatterin an. Sie fragte sicherheitshalber bei ihrem Chef in Berlin nach, ob man Mozarts "Idomeneo" auch aus dem Freiberger Spielplan nehme müsse? - Kuntze lächelt etwas müde. Er habe Sorge, dass sich Intendanten künftig, mit der Schere im Kopf, nur noch pflegeleichte Regisseure holen. "Nur: Kreativität darf nicht von Angst beherrscht sein."

Saalbau Neukölln,

Karl-Marx-Str. 141, Neukölln. Tel.: 693 10 54 Termine: Kay Kuntzes "Geliebtes Klärchen" 13.-15.10.; Piazzollas "Maria de Buenos Aires" 20.-22.10.; Shihs "Vatermord" 27.-29.10.