Sie sind jung und knapp bekleidet. Einer trieft Blut übers Handgelenk. Eine andere umklammert grimmig die Weinflasche. Doch die meisten schweben zwischen Blumen und Wolken, in Mädchenträumen und Fantasiewelten. So sieht die japanische Malerin Chiho Aoshima den Manga, die Trivialkunst ihrer Zeit.

Drei Bilder der 30-Jährigen sind in der Ausstellung "Berlin - Toyko, Tokyo - Berlin" in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Die umfangreiche Schau mit zwanzig Kapiteln von Dada und Fluxus zur urbanen Experimentalkunst zeigt zurzeit den vielfältigen künstlerischen Austausch zwischen den zwei Metropolen.

Ein Kapitel darin widmet sich auch dem Manga. Dass diese Comic-Kunst auch in Berlin eine große Szene jugendlicher Fans anspricht, ist dem Museum nicht entgangen. Am Sonnabend veranstaltet es einen Aktionstag zum Thema, einen Comic- und Manga-Flohmarkt wird es auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie (14-18 Uhr) geben. Besucher unter 17 Jahren dürfen umsonst in die Ausstellung. Und sie können an einem offenen Workshop für Comic- und Manga-Zeichnen teilnehmen, der von Experten der "Comicacademy" gegeben wird.

Manga, die große japanische Comic-Kunst der vergangenen 50 Jahre, hat unter deutschen Teenagern eine riesengroße Fangemeinde. Deutschlands große Comicverlage machen 70 Prozent ihres Umsatzes mit solchen Titeln. Mangas sind - bis auf die ersten paar Seiten eines Bandes - immer schwarz-weiß gezeichnete Geschichten, die Figuren sind schlank und japanisch, haben aber große, europäische Augen mit Glanzpunkten. Die Hefte werden rückwärts gelesen, von hinten nach vorn und von rechts nach links.

In diesem Jahr sind erstmals mehr als zwei Dutzend deutsche Manga-Zeichner mit ihren Werken auf dem Markt vertreten. Fast alle sind Frauen, keine ist über 25 und die Auflage ihrer Bücher überschreitet oft die Bestseller-Grenze von 10 000. Meist sind es blumige Variationen auf die Teenagerthemen Liebe und Freiheit. Auch die meisten deutschen Mangas spiegeln in erster Linie die Welt ihrer jungen Autorinnen wider: Schulalltag, Verliebtheit und Probleme von Außenseitern.

Die Duisburgerin Judith Park erzählt in "Ysquare" eine Schulhofgeschichte über zwei unglücklich pubertierende Jungen.

Im Herkunftsland Japan ist Manga schon lange ein Millionengeschäft und eine Trivialkunst für jedermann. Ein geübter Fan braucht nur vier Sekunden für eine Seite. Es gibt Mangareihen, die sich ausschließlich an Bank- und Büroangestellte richten, Mangas für Hausfrauen oder für Köche. Die erfolgreiche Reihe "Yakitate Japan" etwa ist ein Back-Manga. Hauptfigur Kazuma Azuma ist ein Superheld mit Solarhänden, der Brot beliebter als Reis machen will. Die 23 Bände mit eingestreuten Rezepten sollen große Begeisterung fürs Backen unter männlichen Teenagern ausgelöst haben. Kaum zu glauben!

Eigentlich kennt diesen Stil auch in Deutschland buchstäblich jedes Kind. Denn die Fernsehserien "Heidi" und "Biene Maja" sind Anime-Serien, also als Zeichentrick verfilmte Mangas. Die 52 Folgen der Serie "Heidi" wurden 1974 von dem Studio Nippon Animation produziert und kamen von dort aus ins ZDF. Einer der Zeichner war Haruki Miyazaki, der für Trickfilme wie den Berlinale-Gewinner "Chihiros Reise ins Zauberland" weltberühmt ist.

Manga hat sich auch in Deutschland längst zu einer Szene entwickelt, geprägt von 12- bis 25-Jährigen. Wer Mangas mag, kostümiert sich gern wie seine liebste Figur - "Cosplayer" nennen diese Fans sich, eine Wortschöpfung aus "Costume" und "Play", Verkleidung und Spiel. Und die meisten Leser sind auch selber als Zeichner aktiv. Inzwischen gibt es hoch produktive Nachwuchsmagazine wie "Paper Theatre" und "Daisuki".

Die Berliner Kunstaktion wird von dem Manga-Fanclub "Anime Daisuki" mit unterstützt. Die Mitglieder dieses "Vereins zur Förderung der japanischen Populärkultur" werden etwa einen Stand organisieren für alle, die nur ein paar Hefte verkaufen möchten und dafür keinen eigenen brauchen.

Außerdem werden die Manga-Fans Interessierten ihre Szene erklären können. Und sie werden das etwas verrückte Computerspiel "Dance, dance Revolution" aufstellen, bei dem man auf einer Matte Schritte nachtanzen muss, die der Computer vorgibt. Das Spiel ist gerade ein Renner in Japan.

Neue Nationalgalerie , Potsdamer Straße 50, Tiergarten. Manga-Flohmarkt: 26.8., 14-18 Uhr auf der Terrasse des Museums.