Stellen Sie sich vor: Sie treffen eine Frau wieder, die sie seit Jahren nicht gesehen haben. Bei Ihren spärlichen Wiedersehen hat sie immer vier rubinrote Handtaschen voll von musikalischen Geschichten für Sie dabei - denn diese Freundin unterhält sich mit Ihnen nur in Form von Songs. Schon als Suzanne Vega 1987 ihre Single "Luka" veröffentlichte, allerspätestens aber als die DNA Dance Remix Version ihres A-Cappella-Songs "Tom's Diner" auf den Markt kam, war die junge Songwriterin auf dem Weg zum Superstar.

Dann wurde es plötzlich still um Ihre Freundin, mit Ihrem Industrial Folk und düsteren Chansons konnten Sie nicht allzu viel anfangen. Vega ließ sich von ihrem Mann und Manager scheiden, schwor sich, nie wieder zu singen, und brachte ein Erzählband heraus. Dann 2001 ein Lebenszeichen: "Songs in Red and Grey" war endlich mal wieder ein ruhiges, wunderschönes Folkpopalbum.

Und jetzt, fünf Jahre später, endlich ein Wiedersehen in der Kreuzberger Passionskirche. Nur mit Akustikgitarre und in Begleitung ihres Baßspielers beginnt ein klingender verzaubernder Flashback. Vega weiß, was sie ihren Fans schuldig ist, und so spielt sie alle ihre schönsten Hits von früher: "Marlene on the Wall" genauso wie "Caramel" oder "Gypsy". Ihre Stimme ist noch immer hellster Sopran, immer ein wenig distanziert und doch herzerwärmend, ihre Geschichten sind feinste Beobachtungen menschlicher Abgründe. Sie atmen auf: Ihre Freundin ist noch immer so unprätentiös und doch so unaufgeregt glamourös wie früher, Sie schließen die Augen und singen "My name ist Luka, I live on the second floor..." laut mit. "Du hast dich gar nicht verändert!" möchten Sie ihr zurufen. Bei ihr ist das ein Kompliment.

Johanna Merhof