Neun Sänger und Sängerinnen des Chors Voices Of Praise stehen auf der Bühne der Kreuzberger Passionskirche. Mit ihrem Gospelgesang sind sie fraglos an der richtigen Stelle. Nur wer ist dieser große, hagere Mann im Vordergrund, der sich mit quengelndem und kapriziösem Gesang zwischen Südstaatenblues und Lou Reed aufdrängt? Es ist Howe Gelb, Kultrocker mit Abonnement für Sprünge zwischen Genie und Wahnsinn. Dieses Mal hat er also einen kanadischen Gospelchor und drei musizierende Freunde mitgebracht. Einer der gelungeneren Schachzüge in seiner an Kuriositäten nicht armen Karriere jenseits des Massengeschmacks.

Gelb hätte alles groß und bombastisch aufziehen können, doch übertriebene Gesten behagen ihm nicht. Seine Stimme klingt verschlafen und übernächtigt, die Gitarre ungeschmirgelt und schlecht gestimmt. Ein Slide-Gitarrist, noch ein Gitarrist und ein Schlagzeuger unterstützen ihn. Auf Tieftöne des Basses wird verzichtet. Die Damen und Herren von Voices Of Praise kolorieren die Songs eher, als daß sie sie übertönen. Dennoch sind sie die wahren Stars des Abends. Nichts gegen Gelbs sympathischen Dilettantismus - gegen den inbrünstigen Gesang seiner gottesfürchtigen Gäste steht der Kauz manches Mal auf verlorenem Posten.

Ein Album hat Gelb natürlich auch mitgebracht. Die Songs von "Sno Angel Like You" entstanden mitten im kanadischen Winter in einem abgeschiedenen Studio. In der Passionskirche zeigt sich, daß sie auch zur jetzigen Jahreszeit ihre Wirkung entfalten. Für die Zugabe gilt das erst recht. Sie enthält ein Medley mit populären Songs. Bei George Harrisons "My Sweet Lord" übernimmt der Gospelchor die Initiative, bei "Oh Happy Day" obsiegt allenthalben Glückseligkeit, wie bei einer amerikanischen Messe.

huf