Eigentlich darf man ja im WM-Jahr den Bomber Gerd Müller erwarten. Doch dann kommt Bomber Herwig Müller und jagt die Chefetage des Automobilherstellers DAW in die Luft. Peter Lund und Komponist Thomas Zaufke haben der Neuköllner Oper ein Anti-Musical geschenkt, das die Bemühungen unserer großen Berliner Opernhäuser ums Zeitgenössische altbacken aussehen läßt.

"Held Müller" ist melodramatische Revolutionsposse, Medienschelte und boshaftes Kabarett in einem. Zaufkes Ohrwürmer kriechen zielsicher ins Gehirn und in die Füße sowieso. Udo Jürgens läßt ebenso grüßen wie Reinhard Mey und Harry Belafonte.

Die Story ist ein lupenreines deutsches Gegenwartsdesaster, ins Irrwitzige überhöht: ausgerechnet beim Besuch der chinesischen Delegation wird der Vorstandsvorsitzende von DAW Opfer einer Bombe. Seine leitende Menschenfeindin Waghausen, die gerade 2000 Leute wegrationalisiert hat, landet im Krankhaus. Während Herwig Müller, ein schweigsamer älterer Arbeiter, ins Fahndungskreuz gerät und von einigen Möchtegernterroristen aufs Schild gehoben wird, erscheint mit Sabrina van Dreesen die Frontfrau der Öffentlich-Rechtlichen am Tatort und stiftet finale Verwirrung. Der von Eckhard Strehle köstlich gespielte Müller ist unter allen stummen Rollen der Theatergeschichte wohl die eloquenteste. Doris Prilop führt hingebungsvoll die Infotainment-Idiotie vor. Und Franziska Becker mimt geradezu anbetungswürdig die zynische Konzernzicke aus der Personal(abbau)verwaltung. Bernd Mottl inszeniert kurzweilig und temporeich. Neuköllns Oper hat mal wieder voll ins Schwarze getroffen. Ins Rote auch.

Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133. Tel.: 68 89 07 77. Termine: 3., 5., 6. und 7. Mai, 20 Uhr.

Held Müller

Bewertung 4

Volker Tarnow