Er spielte mit Agitation Free, mit Ashra, mit Warhol-Muse Nico und gründete die 17 Hippies. Jetzt hat der Berliner Musiker Lutz Ulbrich alias Lüül nach 40 Jahren im Musikgeschäft seine Autobiographie veröffentlicht.

Volles, goldblondes Haar, ein frischer rosiger Teint und dazu ein strahlendes Lächeln: Seine 53 Lebensjahre sieht man dem Berliner Musiker Lüül alias Lutz Ulbrich nicht an. Von seinen wilden Zeiten in den sechziger und siebziger Jahren, inmitten von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll mal ganz abgesehen. Wobei Ersteres ein wenig zu kurz kam. "Meine Schüchternheit hat mich damals um so manche Groupieliebelei gebracht", gibt Lüül ein wenig verlegen zu.

Daß sein exzessiver Lebenswandel so spurlos an ihm vorüberging, sei auf die guten Gene zurückzuführen, die ihm seine Eltern mitgegeben haben. "Die beiden kommen immer noch auf meine Konzerte. Mit über neunzig Jahren", erzählt Lüül. Geschockt waren die Eltern nicht, als sie seine Autobiographie gelesen hatten. Viele Eltern wären wohl nicht so begeistert, wenn sie von den Drogenexzessen, Bandstreitereien, den Umwegen und den Abwegen ihres Sprößlings lesen würden. Vor allem die Beziehung zu dem exzentrischen Topmodel und Warhol-Muse Nico nimmt einen wesentlichen Teil in Ulbrichs Leben ein. "Ohne meiner Verlobten zu nahe treten zu wollen, aber Nico ist bis heute die wichtigste Frau in meinem Leben", sagt Lüül. "Die Zeit mit ihr war wie ein Wunder", schwärmt er, "dramatisch und spannend. Auch wenn es an der Gesundheit und allem gezehrt hat."

Durch Nico kam Lüül das erste Mal mit harten Drogen in Berührung, denen er sich lange widersetzt hatte. Nach fünf Jahren eines unsteten "filmreifen Lebens" zwischen Konzerten, Reisen und gemeinsamen Drogeneskapaden trennten sich 1979 die Wege von Lüül und Nico alias Christa Päffgen, nach einem heftigen Streit im berühmt-berüchtigten Künstlerhotel, dem "Chelsea" in New York. Er kehrte allein nach Berlin zurück, befreite sich aus der Drogenabhängigkeit, trennte sich von seiner alten Band Ashra Tempel und begann als Solist 1980 einen Neuanfang.

Seit drei Jahren ist Lutz Ulbrich als eine der "120 wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte" als Wachsfigur im Tower Wax Museum in Tokio verewigt. "Das war für mich der Anlaß, mein Leben aufzuschreiben, zu ordnen. Zunächst mal nur für mich selbst." Das hat er in den letzten Jahren zwischen den Tourneen mit seiner Band, den 17 Hippies, getan. Mit viel Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit. Doch schon bevor er sein Leben auf mehr als 400 Seiten verewigte, ließ er tiefe Einblicke zu seiner Person zu. "Auch meine Songs sind alle autobiographisch. Ich gehöre nicht zu den Musikern, die ihre Texte phantasievoll zusammenschreiben."

Zusammenkünfte mit Musik-Legenden wie David Bowie, Tom Waits, Bob Marley oder Lou Reed hat Lüül ebenso festgehalten wie seine Kindheit und Jugend im beschaulichen Eichkamp. Die ruhige Jugend im bürgerlichen Milieu

sollte nicht lange währen. "Ich wußte schon im Alter von zwölf Jahren, daß ich Musiker werden wollte." Diese Zielstrebigkeit wurde zur Lebensmaxime des Lutz Ulbrich. "Man muß nicht perfekt sein. Das Wichtigste ist, daß man sich immer selbst treu bleibt. Finde das, was du mit deinem Leben am besten anfangen kannst und zieh' es durch. Konventionen dürfen dabei keine Rolle spielen."

Im Alter von 16 Jahren gründete er die legendäre Progrock-Band Agitation Free. Danach begann das Leben zwischen Besuchen in der Kommune 1 und ersten Tourneen in Deutschland. In den 40 Jahren seines Musikerdaseins hat der Berliner seinem Künstlernamen Lüül - "Lü" leitet sich vom chinesischen Orakel I-Ging ab und steht für "Der Wanderer" - alle Ehre gemacht. Er lebte ein "Zigeunerleben" zwischen Berlin, Paris und New York und auch die Bands samt der Musikstile kamen und gingen. Mit dem Song "Morgens in der U-Bahn" schwamm er auch auf der Neuen Deutschen Welle mit.

Seit mittlerweile zehn Jahren ist er Mitglied der Kult-Combo 17 Hippies. "Ich fahre keinen Ferrari und habe auch keine goldenen Schallplatten an der Wand hängen", sagt der Idealist. "Aber darauf kam es mir auch nie an. Ich habe immer das Abenteuer gesucht - um mich daraus persönlich zu bereichern."

Morgen um 22 Uhr stellt Lüül mit vielen musikalischen Gästen seine Autobiographie im Quasimodo, Kantstr. 12 a, Charlottenburg vor. Tel.: 312 80 86.