Frei nach Schnauze

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Uwe Sauerwein

Foto: cu/rf/hg gr

Er schlug sich als Trödler, Leierkastenmann und Kneipier durch, bevor er sich als "Maler mit Herz" etablierte.

Er schlug sich als Trödler, Leierkastenmann und Kneipier durch, bevor er sich als "Maler mit Herz" etablierte. Kurt Mühlenhaupt, der an Ostern 85jährig starb, verewigte mit seinen Porträts das Gesicht der Hauptstadt.

Schräge Typen bevölkerten seinen Kosmos: die dicke Rosi und Kneipen-Inge in draller Nacktheit, Straßenfeger, Putzfrauen, Kellner und Bettler. Seine Ansichten aus Kreuzberg und Wedding offenbarten Hochzeitsgesellschaften und spielende Kinder, Litfaßsäulen und das "Café Achteck", sprich die Berliner Pinkelbude. "Berlin hab ick im Kopp", pflegte Kurt Mühlenhaupt über seine Motive zu sagen. Am Ende bevorzugte er dann Vorlagen aus der stillen märkischen Landschaft. Tiere wie den Hofhund Boll, Breitmaulfrosch Elvis oder Bertha, das Huhn, dazu Blumen und - die holde Weiblichkeit stand stets hoch im Kurs - Landfrauen.

Seinen Lebenstraum hatte der Künstler sich im wahrsten Sinne des Wortes ermalt. Mit dem Geld, das ihm seine Kunst eingebracht hatte, erwarb Kurt Mühlenhaupt Anfang der neunziger Jahre einen sanierten Gutshof im brandenburgischen Bergsdorf und verabschiedete sich aus Berlin in die ländliche Idylle. Dort arbeitete der Maler bis zuletzt. Trotz seiner schweren Krankheit, die ihm am Ende fast gänzlich das Augenlicht raubte und den Künstler in den Rollstuhl zwang. "So lange ich lebe, male ich." Am Ostersonntag ist Mühlenhaupt im Alter von 85 Jahren gestorben.

Eines seiner letzten Bilder, das er im vergangenen Jahr für seine Berliner Geburtstagsausstellung malte, war die "Wiedervereinigung". Menschen liegen sich am Tag des Mauerfalls vor dem Brandenburger Tor in den Armen. Und er, mit rotem Hut, mitten drin. Dabei hatte der Kiez-Maler, der im Alltag und auf seinen Selbstporträts fast nie ohne Kopfbedeckung zu sehen war, mit Berlin in seinen letzten Jahren nicht mehr viel am Hut. Gleichwohl verliert die Hauptstadt mit Mühlenhaupt eine ihrer letzten Originale. Auch wenn er diese Vergleiche ablehnte, kann man in der Art, wie Mühlenhaupt die Leute aus seiner Nachbarschaft abbildete, Verwandtschaften mit Heinrich Zille oder dem Weddinger Milieumaler Otto Nagel erkennen.

Wie viele Berliner Originale kam auch Mühlenhaupt nicht in Berlin zu Welt. Er wurde am 19. Januar 1921 während einer Eisenbahnfahrt von Prag nach Berlin geboren. Das viel strapazierte Wort vom Hungerkünstler, auf ihn traf es zu. Zwei Jahre, 1946 bis 1948, studierte Mühlenhaupt an der Hochschule der Bildenden Künste. Eigentlich wollte er damals zu Karl Schmidt-Rottluff in die Klasse. "Aus Ihnen wird nie ein Maler, Sie sind zu grau", soll der Brücke-Künstler zu ihm gesagt haben, nach eigenem Bekunden war Mühlenhaupt nicht besonders böse darüber.

Er schlug sich als Kartoffelschalen-Sammler und Leierkastenmann durch. 1961 gründete er das Kreuzberger Künstlerlokal "Leierkasten", ein Jahr später rief er auf dem Trödel den ersten "Bildermarkt" ins Leben. Um Grafik für kleine Leute zu machen, eröffnete er 1965 die erste Druckwerkstatt. Damals begann er sich als Maler zu etablieren, seine erste eigene Schau bekam er jedoch erst mit sechzig. Als er aufgrund eines Kriegsleidens zwei Jahre das Bett hüten mußte, begann er seine Memoiren zu schreiben, die Autobiographie enthält so viele Bände wie die Buchstaben seines Nachnamens. Mühlenhaupt gehörte zu der 1972 gegründeten Gruppe der "Berliner Malerpoeten", in der sich Künstler versammelten, die sowohl schrieben als auch malten, darunter Günter Grass, Aldona Gustas und Wolfdietrich Schnurre.

Mühlenhaupts Werke sind bei Sammlern in ganz Deutschland gefragt. Sie in eine bestimmte Stilrichtung einzuordnen, lehnte der lebenslustige Künstler vehement ab. Und die Porträts, Stadtansichten und Grafiken lassen sich tatsächlich kaum in ein kunsthistorisches Korsett pressen. Mal erscheinen sie naiv, dann wieder sachte expressiv. "Seit ich nicht mehr so gut sehe, bin ich Impressionist", war sein eigener Kommentar dazu in einem seiner letzten Interviews. Vielleicht ist gerade diese hintergründige Komik, man könnte sie Berliner Mutterwitz nennen, der gemeinsame Nenner im Schaffen Mühlenhaupts. Seine Bilder zur Passionsgeschichte sind unter dem Titel "Und dreimal krähte der Hahn" noch bis 24. Juni im Berliner Dom zu sehen.