Willkommen im Himmel

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Johanna Merhof

Dieser Mann ist eine geniale Knalltüte. Quietschbunt, gefüllt mit viel heißer Luft, jedoch auch mit einem funkelnden Versprechen: Er wird jede Sekunde explodieren - dann wird ein großer Song hinabsegeln.

Dieser Mann ist eine geniale Knalltüte. Quietschbunt, gefüllt mit viel heißer Luft, jedoch auch mit einem funkelnden Versprechen: Er wird jede Sekunde explodieren - dann wird ein großer Song hinabsegeln. Du weißt nur nie, wann. Wieso, weshalb, warum. Um einen durchgeknallten Jungspund wie Adam Green zu verstehen, muß man sich in seine Welt hineinplumpsen lassen.

Wir schließen also die Augen. Und befinden uns an einem Ort, an dem es keine Pausenglocken, keine Ausweiskontrolle, keine Haarschneidemaschinen und keine Sperrstunde gibt, sprich: in Adams Himmel. Es riecht nach süßem Gras und Popcorn. Leichte Mädchen tanzen mit wodkabesudelten Tanzbären. Und plötzlich fackelt eine Leuchtreklame auf: "Wer noch sucht, macht bloß einen Schaufensterbummel." Dann torkelt ein derangierter Twen mit Bettfrisur herein. Schnappt sich die Gitarre, versucht in einem wahnsinnigen Anflug kurz den Schwanentanz zu imitieren, fällt aufs schwammige Kinn und beginnt in der Waagerechten zu singen. Und mit einem Mal hat die Pubertät ihre schräge Würde wieder.

Sehr tief klingt es, sehr, jawohl, schön und gleichzeitig sehr albern. Wie Dean Martin auf Speed oder Lou Reed nach einem Tränengas-Lachflash. Und er kriegt sie tatsächlich alle, dieser singende Gaukler da oben auf der Bühne im Tempodrom. Es ist erst ein paar Jahre her, daß Adam Green noch in wahlweise Hasen- oder Robin Hoodkostüm mit einem strähnigen Irrsinn namens Kimya Dawson in New Yorker Kellerclubs auftrat: Die beiden Königskinder nannten sich Moldy Peaches und waren die Lieblinge der selbstverliebten Antifolk-Szene.

Doch dem jungen Adam genügte es nicht, Nischenmusik für Untergrundfischer zu zaubern. Er wollte die ultimative Liebe von allem und jedem. Und er bekam sie. 2003 veröffentlichte er das Album "Friends of Mine" und hinterher wollte es jeder zuerst entdeckt haben. Die Feuilletons jubelten über an Kurt Weill gemahnende Klänge und surrealistisch expressive Texte, die Indie-Mädchen verknallten sich in seine braunen Kulleraugen und die zirkusbunten Kindermelodien. Und der Rest der Welt hörte einfach ein Dutzend hervorragender Popsongs: bittersüß und nervenschwach.

Nirgendwo himmelt man ihn mehr an als in Deutschland. Die hornbebrillten Mittvierziger hocken brav neben zuckenden Girls, die ihre Handys in Richtung Tempodrom-Bühne halten oder Adjektivschlangen ausjapsen: süß-wahnsinn-diese-haare-oh. Wenn er gerade nicht beängstigend gut singt, schlingert Mr. Green im Mottendreß über die riesige Bühne, läßt sich erschöpft auf eine Bank fallen und plappert Versautes. Versucht, Witze zu erzählen, scheitert. Da ist einer einfach zu berauscht vom eigenen Genius. Doch der flackert hell wie ein Komet.

Gerade ist sein vierter Streich "Jacket Full of Danger" erschienen, ein Mix aus Cowboyklängen und Streicherarrangements, kein Song länger als drei Minuten und ein großes Surfen durch die Musikgeschichte über den Beat vorbei an Blues und Motown hin zu psychedelischen Indianergesängen. Live klingt das alles einfach nur herrlich. Seine Band läßt den Jungen gelassen strahlen, ein vierköpfiges Mädchenorchester schickt ganz ernst wunderschönen Pathos ins Zelt und Green singt in feinstem Bariton über zu haarige Ladies oder die Verführung von Frauen ohne Beine. Er ist ein obszöner Kindskopf im Gewand eines beflissenen Entertainers. Nach anderthalb Stunden ist jeder im Tempodrom ein Greenianer, ein klatschender Kindergarten vereint im Enthusiasmus. Schließlich zerrt Adam zehn glücksverstrahlte Fans auf die Bühne und schunkelt mit ihnen dem Untergang des Anstandes entgegen. Willkommen in Adams Welt.