Die titelgebende Reise wird nicht lang. Thomas Schulte-Michels gelingt es, Eugene O'Neills Schlüsseldrama ohne Pause auf 1 3/4 Stunden zu verkürzen. Damit liegt er zweifellos im Trend, den Deutsche Bahn und Deutsches Theater gemeinsam haben. Vor 50 Jahren hatte "Eines langen Tages Reise in die Nacht" unter Oscar Fritz Schuh im Theater am Kurfürstendamm seine deutsche Erstaufführung. Die Witwe des Dramatikers setzte sich über dessen Verfügung, das Stück, in dem er analytische Zwiesprache mit den Verstorbenen seiner Familie führte, erst ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod freizugeben, hinweg. Auch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters verwendet man jetzt, mit aktualisiertem Jargon, Schuhs Übersetzung.

Verknappung bedeutet hier keine Verdichtung. Die Digest-Inszenierung stellt ganz das Drama der Mutter in den Mittelpunkt. Mary Tyrone ist von Anfang an der Beobachtung ihres Mannes und der beiden Söhne ausgesetzt: Der Rückfall in die Morphium-Sucht ist unvermeidlich. Gerade auch im Vergleich mit großen Darstellerinnen, die diese Rolle verkörperten, Elisabeth Bergner, Marianne Hoppe, Constance Cummings, verkörpert Christine Schorn diese zerbrochene Seele außerordentlich. Ihr gelingt es sogar, der Figur gelegentlich aufflackernde Momente komödiantischer Heiterkeit abzugewinnen. Daneben bleiben die übrigen Figuren überraschend flach. Sogar Dieter Mann muß die Vatergestalt auf reine Menschlichkeit verengen. Allzu leicht nimmt man ihm die Erklärungen für seinen Geiz ab, mit dem er erst die eigene Frau einem Kurpfuscher überließ und in die Sucht trieb und demnächst den Tuberkulose-kranken Sohn in einem billigen Sanatorium seinem Schicksal preisgeben wird. Schulte-Michels beschäftigen keine Menschenstudien oder Ursachenfragen. Die Tragödien der anderen Figuren kommen zu kurz. Zwar werden Whiskyflaschen reichlich bedient, aber der Suff hält sich in Grenzen.

"Eines langen Tages Reise..." ist heute vor allem ein Schauspielerstück. Seine satte Theatralität, die morbide Atmosphäre haben immer wieder fasziniert. Hierfür sind eine stimmige Atmosphäre, ein dichtes Zusammenspiel der verzweifelten Charaktere unverzichtbar. Die Verallgemeinerung von Raum und Handlung, die Ausnüchterung der Figuren bringen dem Drama keinen Gewinn. Statt O'Neills Nebelhorn immer wieder bedeutungsvoll tönen zu lassen, parfümiert der Regisseur die Aufführung beliebig mit Wagner-Tönen. Der Abend geht weder an Herz noch Nieren. Er bringt keine Erschütterung.

Deutsches Theater/Kammerspiele, Schumannstr. 13 a, Mitte. Tel.: 28 44 12 25. Termine: 28.1. und 1., 5./6. u. 18.2.

Eines langen Tages Reise in die Nacht Bewertung 3

PHG