"Achtung, Achtung, hier spricht Berlin"

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Bernd Philipp

Weimarer Republik, Nationalsozialismus, deutsche Teilung und Einheit: Das Haus des Rundfunks stand oft im Konflikt zwischen staatlicher Manipulation und Freiheit des Wortes.

Weimarer Republik, Nationalsozialismus, deutsche Teilung und Einheit: Das Haus des Rundfunks stand oft im Konflikt zwischen staatlicher Manipulation und Freiheit des Wortes. Eine Ausstellung des RBB erinnert jetzt daran.

Albert Einstein ist uns bekannt als großer Physiker und Denker, aber ein Prophet in der Beurteilung des Rundfunks war er nicht. Als er 1930 auf der Funkausstellung seine inzwischen legendäre Eröffnungsrede hielt, die mit den humorvollen Worten "Sehr geehrte An- und Abwesende!" begann, pries er die Chance des immer populärer gewordenen neuen Mediums als Möglichkeit zur Völkerverständigung und des Friedens. Er (der Rundfunk) "kann dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit zu tilgen, das so leicht in Mißtrauen und Feinseligkeiten umschlägt", hoffte Einstein. Und er irrte sich. Denn gerade der Rundfunk war es, der schon bald dazu beitragen sollte, das nationalsozialistische Regime zu etablieren und zu festigen.

Wenige Monate nach der Einstein-Rede wurde am 22. Januar 1931 das von Hans Poelzig entworfene "Haus des Rundfunks" in der Masurenallee eröffnet. Die "Funkstadt Witzleben" erhielt damit zusätzlich zu Funkturm und Ausstellungshallen ein Medienzentrum, das - anders als sein Vorgänger, das Vox-Haus in der Potsdamer Straße - gesteigerten Ansprüchen an räumliche und technische Kapazitäten und einer gewachsenen Verwaltung genügte.

Mit der Ausstellung "Hier spricht Berlin. 75 Jahre Haus des Rundfunks - 75 Jahre Radiogeschichte" und zahlreichen Radio- und TV-Sendungen erinnert der RBB an die wechselvolle Geschichte des Hauses. Auch an die persönlichen Schicksale der ersten Mitarbeiter, von denen so manche im KZ landeten.

Die Inbetriebnahme des Hauses erfolgte am Vormittag des 22. Januar 1993. Alfred Braun, der erste Radioreporter der Welt ("Achtung, Achtung, hier spricht Berlin!") stand auf der Galerie des ersten Obergeschosses und rief dem Funkhaus-Direktor Hans Bredow zu: "Das Schiff ist klar zur Fahrt - Kommandant, geben Sie den Befehl zum Start!" Am Abend fand im Studio 3 die offizielle Einweihungsfeier mit einem Konzert statt. Dirigent Bruno Seidler-Winkler leitete das Große Funkorchester, das Werke von Mozart, Händel und Richard Strauß spielt. Beim anschließenden Empfang lehnte Architekt Poelzig jedes Interview ab mit der Bemerkung: "Schaffe, Künstler, rede nicht..." Markige Worte. Lange dauerte es nun nicht mehr, dann hatten die neuen Herren des Funkhauses Einzug gehalten - und die sprachen auch eine deutliche Sprache. Das (noch) partei-unabhängige Medium stand damals in seiner kulturellen Wahrnehmung längst gleichberechtigt neben Presse, Funk, Theater und Film. Trotz Wirtschaftskrise gab es Anfang 1931 etwa 3,5 Millionen "Rundfunkteilnehmer". Es wurden immer mehr, und sie sollten an ihren "Volksempfängern" noch erstaunliche Sachen zu hören bekommen.

Das Haus des Rundfunks (HdR) ist ein Symbol deutscher Rundfunkgeschichte geworden: Ob Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Nachkriegswirren und Kalter Krieg, Teilung und Wiedervereinigung - der berühmte Klinkerbau stand immer im Zentrum der Information, und er war zuweilen auch ein Instrument staatlicher Manipulation, auch des Widerstandes. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das HdR zur Kommandostelle für den gesamten deutschen Rundfunk mit 38 lokalen Sendebetrieben. Von dort wurden die Olympischen Spiele 1936 in fast alle Funkhäuser der Welt übertragen. 1944, als Europa in Blut ertrank, fanden die ersten Stereo-Versuchsaufnahmen statt. Das muß man sich mal vorstellen. Bereits zu Beginn des Krieges wurden die geliebten "Wehrmachts-Wunschkonzerte" mit Heinz Rühmann, Marika Rökk, Hans Moser, Willy Birgel und Grethe Weiser aus dem Großen Sendesaal übertragen. Gute Laune für all jene, die sonst nichts zu lachen hatten.

Das Haus überstand den Krieg ohne große Zerstörungen. Die Russen besetzten es am 2. Mai 1945 und machten Hans Mahle vom Moskauer Sender des "Nationalkommitees Freies Deutschland" zum Intendanten des "Berliner Rundfunks". Das erste Programm bestand aus der Verlesung der Kapitulationsurkunde und der ersten Befehle der sowjetischen Kommandantur. Im Haus des Rundfunks begann allmählich ein normaler Sendebetrieb. Hans Rosenthal war 1945 Volontär in der Programmdirektion, zwei der Kommentatoren waren der spätere DDR-Geheimdienst-Chef Markus Wolf und Karl Eduard von Schnitzler, die dann später im neuen Berliner Rundfunk in Adlershof wirkten.

Als Antwort auf die sowjetische Absperrung des West-Berliner Exklaven riegelte die britische Militärpolizei im Juni 1952 das Gebäude ab, im Juli verließen die letzten Mitarbeiter das Haus. Zurück blieben 10 bis 15 sowjetische Wachsoldaten. Am 5. Juli 1956 übergaben die Sowjets dann das Haus an den Senat. Am 4. Dezember 1957 wurde es wiedereröffnet.