Der Gott, den die Bibel schildert, ist nicht nur der Gott der Küsse, Regenbogen und milden Gaben. Er thront auch über Erdbeben, Tsunamis, Epidemien und Völkermorden. Gott mag wohl barmherzig, allwissend und gerecht sein, aber eines ist Er mit Sicherheit nicht: lieb. "Suche die verdammten Fragen / Ohne Umschweif uns zu lösen", schrieb darum Heinrich Heine. "Warum schleppt sich blutend, elend / Unter Kreuzlast der Gerechte, / Während glücklich als ein Sieger / Trabt auf hohem Roß der Schlechte?" Das ist die alte Frage des Hiob. Und es ist die Tradition, der Navid Kermani in seinem jüngsten Buch nachspürt - die Tradition des Haderns mit Gott; Kermani sucht sie vor allem im Judentum und im Islam. Ihm ist da ein erstaunlicher Wurf gelungen: ein brillanter Essay, der die Kraft hat, den Leser unmittelbar zu berühren. Navid Kermani zeigt: All jene Atheisten, die Gläubigen höhnisch nachrufen, ihr Gott sei abwesend und verhindere das Unheil nicht, kommen circa 4000 Jahre zu spät. Die Klage über Gott ist ja längst Teil des biblischen Kanons. "Warum verstößt du, Herr, meine Seele und verbirgst dein Antlitz vor mir?" heißt es im trostlosen 88. Psalm.
Laut Kermani ist der gerechte Zorn gegen Gott im Christentum immer mehr verschüttet worden. Für den Islam gelte just das Gegenteil: Die Tradition des Haderns mit Allah ist zuerst nicht da und arbeitet sich dann langsam heraus. Kermani macht uns mit dem Werk des persischen Dichters Feriduddin Attar (1110-1220) vertraut, der in der Zeit des Mongolensturms lebte, einer blutigen Epoche, die wohl dazu angetan war, Zweifel an Gottes Güte zu lehren. Attars "Buch der Leiden" ist ein Poem voll rabenschwarzem Licht, das Themen vorwegzunehmen scheint, die wir bei Büchner und Kafka finden. Es wimmelt darin von Narren, die im Grunde ihrer verwirrten Herzen Heilige sind, die sich vor Gott fürchten und ihn gleichwohl mit Spott herausfordern. "Ein Narr wird beim Wandern in der Wüste von einem schweren Gewitter überrascht. Der Blitz will ihn verbrennen, der Regen ihn ertränken, er fürchtet sich sehr. Da ruft eine Stimme aus dem sturmgepeitschten Himmel zum Narren ...: Gott ist mit dir, sei du ohne Furcht. Aber eben darum fürchte ich mich doch, schreit der Narr: Eben weil Er bei mir ist, fürchte ich mich doch."
Philosophisch ist übrigens längst beantwortet, warum Gott - wie der Prophet Jesaja sagt - auch das Böse schafft. Wer die Theodizeefrage stellt, schrieb Hermann Cohen, setzt einen Theismus voraus. Einen solchen Theismus aber kann es nicht geben, denn der würde ja bedeuten, daß wir Gott begreifen. Und das ist unmöglich.
Navid Kermani: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte. C. H. Beck, München. 336 S., 24,90 Euro

