Coming-Out in Hollywood

Daß Ang Lees Anti-Western "Brokeback Mountain" bei der 63. Golden-Globes-Verleihung vier Preise gewann, war keine große Überraschung.

Daß Ang Lees Anti-Western "Brokeback Mountain" bei der 63. Golden-Globes-Verleihung vier Preise gewann, war keine große Überraschung. Wohl aber, daß auch zwei weitere Auszeichnungen an Filme mit schwuler Thematik gingen.

Hollywood steht kurz vor seinem Coming-Out. William Hurt hat schon einmal einen Oscar für die Darstellung eines Homosexuellen in "Kuß der Spinnenfrau" gewonnen, Tom Hanks desgleichen in "Philadelphia". Aber noch nie hat ein gay movie , ein Film mit schwuler Thematik, den Oscar für den Besten Film erhalten. Nie indes standen die Chancen dafür so gut wie jetzt. "Brokeback Mountain", Ang Lees unkonventioneller Western um die Liebe zweier Cowboys, hat nicht nur auf dem Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen erhalten und in den letzten Monaten so ziemlich jeden Preis abgestaubt, von Produzenten- und Autorenvereinigungen bis zu diversen Kritikerverbänden. Auch bei der 63. Golden-Globes-Verleihung, bei der er mit sieben Nominierungen als großer Favorit galt, hat er nun vier Trophäen eingeheimst: in den Kategorien Regie, Drehbuch, Filmsong und bestes Drama. Und noch immer gelten die Globes, von Hollywoods Auslandspresse vergeben, als Meßlatte für die Oscars, auch wenn deren Nominierungen in diesem Jahr früher als sonst (31. Januar) anstehen und viele Academy-Mitglieder bereits ihr Votum abgegeben haben dürften.

Überraschend ist, daß auch die anderen Haupt-Globes im Bereich Drama an gay movies gingen. Felicity Huffman, eine der "Desperate Housewives", war nicht nur als Seriendarstellerin nominiert, sondern auch für ihre Rolle als transsexueller Mann in "Transamerica" - und stach damit Konkurrentinnen wie Gwyneth Paltrow und Charlize Theron aus. Philip Seymour Hoffman triumphierte mit dem Biopic über den (ebenfalls schwulen) Autor "Capote" über "Brokeback"-Hauptdarsteller Heath Ledger.

In der Sparte Komödie / Musical hätte sich dieser Trend noch fortsetzen können. Galt hier doch Mel Brooks Neuauflage seiner "Producers" über ein Musical mit einem schwulen Hitler als Favorit. Doch hier fielen die Hauptpreise für den Besten Film und die besten Darsteller an die Johnny-Cash-Biographie "Walk The Line", bei der sich nicht nur Cash-Darsteller Joaquin Phoenix wunderte: "Wer hätte je gedacht, daß ich in dieser Sparte gewinnen würde?" "Walk The Line" ist weder Musical noch Komödie; immerhin singen sowohl Phoenix als auch Reise Witherspoon (als Junge Carter) selbst. Bei den Oscars gibt es diese Trennung zwischen E und U nicht. Hier werden "Walk The Line", "Brokeback Mountain" und "Capote" direkt aufeinandertreffen. Den Globe für den besten ausländischen Film erhielt die deutsch-palästinensische Koproduktion "Paradise Now", die bereits auf der Berlinale 2005 drei Preise erhielt, darunter den von der Leserjury der "Berliner Morgenpost" ermittelten Publikumspreis des Festivals.

Auffallend war, daß den ganzen Abend über das G-Wort, die heimliche Klammer, nicht einmal ausgesprochen wurde, daß offensichtlich alle Preisträger darauf bedacht waren, die Gay-Thematik nicht zu sehr zu betonen. Einzig Felicity Huffman warb dafür, sich selbst zu entdecken und zu sich selbst zu stehen. Und Ang Lee tat es ihr nach, indem er weitläufig von der Macht des Films sprach, "unsere Denkweise zu verändern".

In seiner Dankesrede verbeugte sich der Taiwanese aber vor allem vor dem amerikanischen Film. Indem er betonte, wie vielfältig und stark dieses Kinojahr gewesen sei. Das war Balsam für die Industrie, der man im vergangenen Jahr eine ihrer größten Krisen attestierte und die, zumindest in der Blockbuster-Sektion, empfindliche Flops landete. Genau von dieser Krise der Großproduktionen aber profitieren die derzeitigen Arthouse-Filme, die Leere jenes Special-Effect-Kinos erklärt erst die neue Sehnsucht nach ernsteren, sozialkritischen Themen.

Und dennoch: Daß Heath Lediger und Jake Gyllenhall, das Liebespaar aus "Brokeback Mountain", in allen Interviews demonstrativ betonen, daß sie nicht gay seien, und Philip Seymour Hoffman als nächstes den taffen Schurken in "Mission: Impossible 3" spielen wird, impliziert, wie groß in Hollywood noch immer die Furcht ist, nach einer Homo-Rolle festgelegt zu sein, und wie weit man dort noch immer von einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz entfernt ist.

Die große Klammer dieser Globe-Nacht, das versuchten alle Preisträger in ihren Dankesreden zu beschwören, war denn eben nicht das große "G", sondern die Familie. Klassische traditionelle Werte, die auch die Konservativen - die da draußen in den Staaten und die da drinnen in der Academy - gern hören werden. Ob das reicht, um sie an einen Schwulen- als Besten Film zu gewöhnen, bleibt abzuwarten.