Seit Kindheitstagen ist er interessiert an der Physiologie der menschlichen Stimme. Er weiß, daß gesprochene Sprache lange ein vergängliches Ding war; erst die Erfindung des Edison-Phonographen erbrachte die Möglichkeit, Töne und menschliche Stimmen zu konservieren. Überhaupt gab die Moderne dem Akustiker völlig neue Instrumente an die Hand: Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher. Hermann Karnau hat sich spezialisiert auf deren Installationen. Durch sein Tun werden Massenveranstaltungen zu auch akustischen Großereignissen. Karnau erregt bei einem Fachvortrag die Aufmerksamkeit hoher Nazi-Funktionäre. Er wird Mitarbeiter von Professor Stumpfecker, einem auf die Physiologie des Kehlkopfs spezialisierten Mediziner. Stumpfecker wird dann letzter Leibarzt der Nazi-Elite im Berliner Führerbunker, Frühjahr 1945, Karnau begleitet ihn. In dem Bunker befindet sich auch Goebbels samt Familie. Stumpfecker soll die Goebbels-Kinder töten, was er aber ablehnt, worauf die Kinder von ihren Eltern umgebracht werden. Karnau ist Zeuge ihrer letzten Gespräche. Ein Aufnahmegerät läuft mit. Jahrzehnte später hört Karnau sie ab, erinnert sich. Dies alles war die Ernte seines Lebens.
Hermann Karnau ist eine reale Figur, doch Marcel Beyer verfährt in seinem 1995 erschienenen Roman "Flughunde" mit ihr recht frei. Die letzten Tage im Führerbunker waren auch Gegenstand eines aufwendig gemachten Spielfilms von 2004. Marcel Beyers Roman ist besser.
Rolf Schneider

