Introvertierte Anti-Stars aus Island: Sigur Rós

Schon mit ihren Platten haben Sigur Rós Individualismus unter Beweis gestellt. Ihr letztes Album trägt den kryptischen Titel "( )" und enthält Songs, die keine Namen haben. Auch beim Auftritt in der randvollen, bestuhlten Columbiahalle büßte das isländische Quartett nichts von seiner geheimnisvollen Aura ein. Man hörte kaum Musik, die vertraut vorkam, denn das neue Album von Sigur Rós erscheint erst im Herbst. Mit dem Publikum kommunizierte die Band nicht. Ihre Antistar-Haltung zog sich wie ein roter Faden durch das Konzert.

Am Anfang hängt weißer Vorhang vor der Bühne und versperrt während der Darbietung des ersten Musikstücks den Blick auf die Musiker, die nur als Schattenfiguren wahrnehmbar sind. Wenig später fällt der Vorhang. Aber da waren Sigur Rós und die vier sie begleitenden Streicher von der Band Amina schon längst in tiefe Trance der Töne gefallen. Ist es Ambientmusik? Space Rock? Kammermusikpop?

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Sänger und Gitarrist Jon Thor Birgisson. Wegen seiner jungenhaften Falsettstimme unterscheiden sich Sigur Rós von artverwandten Gruppen wie Mogwai oder Godspeed You Black Emperor. Daß er sein Instrument die ganze Zeit mit dem Geigenbogen spielt, ist ungewöhnlich. Irgendwann versammeln sich Birgisson und die anderen am Basteltisch des Keyboarders, wo sie zu Zithern, Xylophonen oder Spieluhren greifen und Akkorde spielen, mit denen sie die Unschuld der Kindheit zu beschwören scheinen.

Rockmusik ist es dann aber irgendwie doch. Lange Phasen intensiver Introvertiertheit unterbrechen die rätselhaften Nordländer gelegentlich mit Passagen, in denen gedämpfter Krach im Vordergrund steht, der sich zu instrumentalen Hymnen verdichtet. Am Ende steigert sich die Band sich in einen phonstarken und bejubelten Fieberrausch.

Michael Hufnagel