Alice, Alice, wer zum Teufel ist Alice? Diese Frage stellte sich in der gut gefüllten Columbiahalle. Alice Cooper, der Mann mit dem Mädchennamen und dem androgynen Erscheinungsbild, vertraute in seinem neunzigminütigen Programm auf bewährte Kost. Sehr zur Freude des Publikums, das schon zu Beginn, bei "No More Mr. Nice Guy", mit einer Inbrunst dabei war, als hätte Heavy Metal in seiner ursprünglichen Form wieder Hochsaison.

Cooper, der eigentlich Vincent Furnier heißt, ist einer der großen Showmänner. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie ein Vergleich von alten und neuen Titeln in seinem Programm zeigt. Zum Oldie "Billion Dollar Babies" fuchtelt Cooper mit einem Degen herum, auf dem Imitate von US-Banknoten aufgespießt sind. Beim Titelsong seines neuen Albums "Dirty Diamonds" sind es unechte Perlen, die er seinen Fans zuwirft.

Von gutem Geschmack und Manieren hält Cooper gar nichts, von Humor der besonderen Art dafür um so mehr. Der neue Song "Woman Of Mass Distraction" enthält ein hübsches Wortspiel mit der englischen Vokabel für Massenvernichtungswaffe. Zu "I'm Eighteen" humpelt der eigentlich ganz rüstig wirkende Rocker auf Krücken über die Bühne. Cooper braucht diese optischen und sprachlichen Anreize, denn von seiner vierköpfigen Begleitband kommt fieser Gossenrock, der sich vom Grundschema her kaum ändert.

Natürlich ist Cooper auch gekommen, um seinen Ruf als König des Schockrocks zu verteidigen. Doch erst während des letzten Konzertdrittels verwandelt sich die Halle in ein Gruselkabinett. Zu "Feed My Frankenstein" fügt Cooper Körperteile in einem Sarg zusammen, läßt sich für diese Freveltat von einer blonden Domina mit der Peitsche traktieren und von Ordnungshütern in eine Zwangsjacke stecken. Am Ende steht die Präsentation eines seiner bekanntesten Showelemente: Die Guillotine, an der symbolisch die Hinrichtung vorgeführt wird.

Gemessen an dem, was Ozzy Osbourne und Marilyn Manson inzwischen an Blutsaugerei und Provokation abgeliefert haben, riechen Coopers Kalauer heute sehr nach Klamotte. Andererseits hat der Mann aus Detroit mit "School's Out" einen generationsübergreifenden Gassenhauer zu bieten, mit dem er - wie durch ein Wunder auferstanden - sein unterhaltsames Programm dann auch beschließt. Das Publikum bedankt sich mit "Vince"-Sprechchören bei einem Künstler, der nicht daran denkt, sich ins Museum der Musikmonster verfrachten zu lassen.