Gefangen und abgeschirmt

Sie sitzen rund um den Innenhof und blicken stumm auf fünf Etagen Kunst. Die kleinen, hölzernen Figuren namens "Scheinesser" von Volker März sind selbst Teil einer ungeheuren Konzentration von Arbeiten aus Berliner Galerien, die es so in der Stadt kein zweites Mal gibt - jedenfalls nicht in der vertikalen Ausrichtung eines Hochhauses.

Ein Stück weiter die Friedrichstraße hinunter in Richtung S-Bahnhof ragt das nüchterne Handelszentrum in den Himmel, und etwas Ähnliches soll das "Art Center Berlin" für die Kunst werden: Ein edler Umschlagplatz mit Café am zentralen Ort. Mit der morbiden Romantik unsanierter Fabrikhäuser und Hinterhöfe, für die Berlins Galerieszene einmal berühmt war, hat das nicht mehr viel gemein. Die neue Adresse im Spree-Carré bekennt sich zu Glas und Stahl im feinen Ambiente.

Das "Art Center" will zeigen, wie ein modernes Forum für zeitgenössische Kunst aussehen könnte und präsentiert dazu auf über 2000 Quadratmetern neun Galerien in der übergreifenden Ausstellung "Reflexionen". Anschließend werden acht von ihnen ihr temporäres Zusatz-Quartier wieder aufgeben, vorerst bleibt nur Rafael Vostell, der den immer noch unsanierten Pfefferberg verläßt.

Rolf Külz-Mackenzie hat die große Schau mit 34 Künstlern sorgsam kuratiert. Zahllose Blickachsen locken einen durch die Etagen in jeweils sparsam bestückte Räume, die weniger Visitenkarte der einzelnen Galerien als vielmehr Essenz ihres künstlerischen Programms sind.

Beispiellos konsequent wird diese Strategie in der halben Etage der Galerie Brennecke offenbar. Hier hat Bernd Zimmer, einer der Begründer der ehemals wilden "Galerie am Moritzplatz", einen ganzen Südsee-Kosmos mit zahllosen Gemälden und kleinen, farbigen Skulpturen installiert, der aus seiner Beschäftigung mit der Tiki-Kultur resultiert. Und als wäre diese monothematische Beschränkung nicht genug, verstellt Zimmer den Zugang noch mit einem Regal: Wer den Raum betritt, ist auf eigenartige Weise gefangen und zugleich vom Treiben im übrigen Haus abgeschirmt.

Nebenan zeigt Deschler tierisch-fantastische Zwitterwesen von Deborah Sengl und dazu Patricia Wallers gemeine Häkelarbeiten mit ihren diskret kunsthistorischen Bezügen. Ein Kontrast zu den poetischen Schrift-Bild-Arbeiten von Albrecht Genin, den die Galerie Dietrich ausstellt.

So arbeitet man sich auf- oder abwärts durch Räumlichkeiten, entdeckt Vertrautes in den malerischen Kompositionen von Elvira Bach (Galerie Deschler), den organischen Verklumpungen eines Tony Cragg oder die expressiv-figürlichen Radierungen des etablierten Moskauer Künstler Maxim Kantor (Galerie Eva Poll) neben Objekten, die trotz des großen Angebots Zeit beanspruchen. Die fragilen Kleinskulpturen aus Tesafilm von Avelino Sala gehören dazu.

Art Center Berlin, Friedrichstr. 134, Mitte. Bis 16.7., tgl. 14-21 Uhr