Rock wird erst im Dunkeln schön. Aber es ist der Fluch des Erfolges, der auch solche Düsterbolzen wie die Berliner Untergangsromantiker Rammstein ins Licht zerrt, in die Open-air-Arenen mit ihren Tausenden von Plätzen nämlich. Und da ist es abends meist viel zu hell, als daß die morbide Wucht, die den Reiz dieses Sextetts ausmacht, ihre volle Leuchtkraft entwickelt. Wie jetzt in der Wuhlheide-Freilichtbühne, wo Rammstein das erste von vier ausverkauften Berlinkonzerten gab, nachdem die Band Ende vergangenen Jahres bereits dreimal das Velodrom gefüllt hatte.
Wie schon bei einem früheren Wuhlheidekonzert war es wieder an den mähnenschwingenden Schwermetall-Cellisten Apocalyptica, auf den Abend einzustimmen. Mit vier Celli, einem Schlagzeuger und jeder Menge Druck brachten die Finnen die Massen in Bewegung. Es ist halb neun und noch immer ziemlich hell, als der schwarze Vorhang fällt und Rammstein die Bühne in Beschlag nimmt.
Vom Velodrom kennt man bereits das morbid-markante Bühnenbild mit hydraulischen Hebebühnen und einer mannshohen Vagina, aus der Frontmann Till Lindemann schlüpft, um mit "Reise, Reise" den Abend zu eröffnen. "Ahoi!" gellt als Schlachtruf aus dem Publikum in Richtung Bühne. Und fortan wird gerummst, gerockt und gelärmt - auf hohem Niveau. Rammstein haben den Gruftmetal eines Rob Zombie, die Finsterelektronik von Laibach und die Industrialattacken von Nine Inch Nails mit deutsch-romantischer Liedtradition verkuppelt. Über markant-archaischen Gitarrenriffs, flirrenden, keifenden, pulsierenden Keyboard-Sounds und mächtigem Schlagwerk-Rumms singt und knurrt Till Lindemann seine metapherngeschwängerte Lyrik, die stets um die Themen Lust, Gier und Tod kreist. Davon versteht man in der Wuhlheide zwar nicht jedes Wort, aber die mehr als 16 000 Fans kennen ohnehin das meiste auswendig.
"Links, 2, 3, 4" marschiert die Band über die Bühne, hat "Keine Lust" und gibt dann doch das Kommando "Feuer frei" - und Böller und Feuerfackeln illuminieren die Bühne. "Asche zu Asche" ist wieder im Programm, interessanterweise fehlte aber die Kochtopf-Satire Mein Teil" und der "Reise Reise -Abstecher nach "Moskau". Dafür gibt es erstmals ein brandneues Stück. "Benzin" heißt es und ist ein Brecher in klassischer Rammstein-Manier. Es ist ein Stück der neuen Platte, die im Herbst erscheinen soll. Und es klingt so wuchtig und routiniert, als gehöre es schon seit Jahren zum Rammstein-Repertoire. Flammenwerfer züngeln. Schade, daß es immer noch hell ist.
In der lauen Dämmerung können auch die rund ums Wuhlheide-Areal postierten Flak-Scheinwerfer erst gegen Ende so richtig zur Geltung kommen. Die Masse Mensch vor der Bühne hebt und senkt sich aber euphorisch wie kochende Lava im Open-air-Hexenkessel. Immer wieder blitzt und kracht es. Feuerwerk flammt auf. Lindemann duscht im Funkenregen. Niemand choreographiert Pyrotechnik so showversiert wie Rammstein, aber schließlich sind die martialischen Rockmusiker auch ausgebildete Feuerwerker. Sie kokettieren mit dem Bösen in der Welt. Sie können in Weltschmerz versinken und im nächsten Moment die satirische Keule schwingen. Sie sind gewiefte Entertainer aus den Kellern von der schattigen Seite der Straße. Und begeistern mit einem Stahlwerker-Musical aus der irdischen Hölle.
Längst haben sie es nicht mehr nötig, gegen tumbe Vorurteile anzuspielen. Rammstein ist mit ihrer einst so umstrittenen Tabubrecher-Musik im Mainstream angekommen. Da braucht es eigentlich auch keinen Song mehr wie "Los", in dem sie die Vorwürfe ihrer Kritiker skandierend aneinander reihen: Geschmacklos, geistlos, schamlos, um mit der Zeile "Lautlos werdet ihr uns nie los" zu enden. Man will den Song dennoch nicht missen, allein schon, weil hier technoide Grooves so wunderbar aus Akustikklampfen geschabt werden.
"Wir woll'n im Beifall untergeh'n" singt Till Lindemann bei den Zugaben ins Auditorium. Und klar: der Beifall ist frenetisch. So schön kann Untergang sein. Und auch klar: beim allerletzten Song "Stripped" läßt sich der Bassist wieder in einem Schlauchboot vom Publikum auf Händen tragen. Auch schon ein Klassiker. Wie Rammstein. Ahoi!
Kindl-Bühne Wuhlheide, An der Wuhlheide 187, Köpenick. Tel.: 530 79 530. Noch heute und morgen, 19 Uhr (es gibt noch einige Restkarten an der Abendkasse).

