Willkommen im Luftschloß

Eigentlich sei das eine Protestplatte, hat Pat Metheny verlauten lassen, als er das jüngste Erzeugnis seiner seit 1977 bestehenden Band vor ein paar Monaten der Presse vorstellte. Die neue CD "The Way Up", sprach der Gitarrist weiter, sei der Versuch, unsere an Simplifizierungen gewöhnte Kultur mit dem Konzept der Komplexität zu versöhnen.

Und nun, im Tempodrom, läßt der freundliche Mensch diese Musik also auf die Leute los. Er gießt sie großzügig in die Arena, als wäre sie sättigender Regen in der geistlosen Wüste, mehr oder minder genau die 68 Minuten lang, die sie zur vollen Entfaltung auch auf dem Tonträger braucht. Was ist das? Um das Wesen dieser Symphonie für Jazzrockband zu beschreiben, genügt ein gelegentlicher Blick auf die Bühne. Dort schleppt ein Helferlein unermüdlich Gitarren hin und her, dort schließt ein Bandleader still verzückt in Ekstase immer wieder die Augen, dort spielen die sechs Musiker hinter ihm gefühlte tausend Instrumente, Daumenklavier und Trompete, Streichbaß und Mundharmonika, Pauke und Rassel. Und doch, es tut alles seine Wirkung.

"The Way Up", dieses federleichte und doch bis obenhin mit Taktartenwechseln, Kontrapunkten, Klangverschiebungen und Motivreprisen gefüllte Opus magnum der Elektrojazz-Kunst, macht regelrecht sprachlos. Man verliert sich gerne in den mannigfaltigen Melodiestrudeln und wacht wie aus einem zuckersüßen Traum auf, wenn man am Ende und Höhepunkt des orchestralen Werks, zum verführerischen dreistimmigen Gesang der Mitglieder der Pat Metheny Group, von den Scheinwerfern geblendet in die Tempodrom-Realität zurückbefördert wird.

Was soll jetzt noch kommen? Nun, gewissermaßen das "Making Of". In verschiedenen Personenkonstellationen bringt Metheny seine Mitstreiter zu Gehör. Was mit einem heftigen Duo-Wettstreit mit Schlagzeuger Antonio Sanchez beginnt, entwickelt sich zum sanften Folk-Trio (mit Bassist Steve Rodby), dann zum Fusion-Quartett (mit Methenys Keyboard-Alter-Ego Lyle Mays), schließlich zum vollen "Way Up"-Orchester (mit Wundermundharmonika-Spieler Gregoire Maret, Trompetenklangkünstler Cuong Vu und Allesspieler Nando Lauria).

Es ist eine Rundreise durch die bunte Welt des Pat Metheny. Pastellene Luftschlösser sind da zu besichtigen, wunderliche siamesische Zweihals-Harfen-Gitarren zu bestaunen, handfeste Bebop-Schlägereien zu überstehen, und gegen Ende gibt es sogar tatsächlich einen schön-gruseligen Besuch in der Grunge-Hölle.

Kurz: Was die Pat Metheny Group in den drei Stunden im Tempodrom-Zeltmassiv anstellt, sprengt mal wieder jede Vorstellungskraft. Jeglicher Protest ist da einfach zwecklos.