Ausstellung

Der Mann, der Berlin zum Kochen brachte

Was ist der Unterschied zwischen Wiener Operette und Berliner Revue-Operette? Antwort: In Berlin kommen mehr Schuhplattler, Zitherspieler und Watschentänzer vor.

Diesen Eindruck muss jedenfalls gewinnen, wer die Glamour- und Kolossal-Revuen des großen Erik Charell betrachtet. Mit ihnen brachte Charell Berlin bis 1933 maßlos zum Kochen. Dass erst jetzt eine Ausstellung über den genialen Amüsier-Mann zustande kommt, ist eigentlich ein dicker Hund. Charell war es, der in den letzten Tagen der Weimarer Republik für eine finale, überragende Glanzzeit der Operette sorgte.

Schauplatz: das Große Schauspielhaus. Also jener 3500 Sitzplätze zählende Poelzig-Bau, in dem später der alte Friedrichstadtpalast untergebracht war. Gleich rechts neben dem heutigen Berliner Ensemble. Der marode Bau selber wurde in den 80er Jahren abgerissen. Das Grotten-Gewölbe innerhalb der Kuppel, das schon die Nazis demontierten, muss damals für eine superbe Akustik im Großen Schauspielhaus gesorgt haben. Charells Stars wie Claire Waldoff, die Comedian Harmonists und Wilhelm Bendow sangen und sprachen ohne Mikrophon. Der Laden brummte, aber vor Vergnügen.

Seine größte Theaterbombe war 1930 die Prachtproduktion des "Weißen Rössl" von Ralph Benatzky - mit Camilla Spira und Max Hansen. Sogar Charlie Chaplin, wie ein Foto in der Ausstellung des Schwulen Museums zeigt, kam hierfür nach Berlin. Zahllose Rössl-Produktionen von Paris bis New York folgten. Und mehrere Verfilmungen (die bekannteste: mit Peter Alexander), die sich vom Original immer weiter entfernten. Erst kommenden November wird in Berlin erstmals wieder die von Eduard Künneke orchestrierte Charell-Fassung zu sehen sein, die verschollen war (mit Dagmar Manzel als Rössl-Wirtin, in der Komischen Oper).

Der 1894 in Breslau geborene Erik Charell begann als Tänzer - und wurde von Max Reinhardt fürs Theater entdeckt. In die florierende Revue-Szene Berlins, die damals im Admiralspalast und in der alten Komischen Oper (an der Weidendammer Brücke) beheimatet war, stolperte Charell 1926 mit dem Vorsatz, größer, bunter und erotisch anzüglicher zu werden. Bereits die damaligen Haller-Revuen hatten ihre Tänzerinnen im Programmheft ungeniert als nackte Pin-ups präsentiert. Charell zeigte etwas weniger weibliches Fleisch - und entblätterte dafür die Jungs. Das Moment schwül-erotischer Verfänglichkeit, mit dem die Nazis später kurzen Prozess machten, traf den frivolen Zug der Zeit. In Charells insgesamt elf Großproduktionen traten alle Stars von Marlene Dietrich bis Joseph Schmidt und Fritzi Massary auf.

Charells musikalisches Arbeitsgeheimnis bestand darin, kaum Originale zu zeigen, sondern stattdessen hybride XXL-Versionen, für die er sich Inspiration aus Amerika holte. Charell war der Pionier des Seitensprungs in die USA. Wohin er denn auch 1933 emigrierte, bald nachdem er in Deutschland zum Film übergegangen war. Sein "Der Kongress tanzt" 1931 mit Lilian Harvey und Willy Fritsch gilt bis heute als unerreichte Ikone des UFA-Unterhaltungsfilms. Der Hit "Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder" sollte sich auch für Regisseur Charell selber bitter bewahrheiten. In New York überlebte er zwar die Emigration. An seine europäischen Erfolge anknüpfen konnte er nicht.

Als er 1974 achtzigjährig in München starb, hatte er sich schon längst komfortabel zurückgezogen. "Feuerwerk" im Jahr 1954 (mit Romy Schneider und Lili Palmers "Oh mein Papa") war sein letzter Streich. Sein Name lebt kurios fort in der Tänzerin Marlène Charell, die sich für dieses Pseudonym die Erlaubnis des Meisters holte (sie heißt eigentlich Marlene Miebs). Nachdem auch Charells Lebensgefährte, einer seiner ehemaligen Revue-Tänzer, gestorben war, wurde die Kunstsammlung Charells verkauft. Die Erben-Situation ist kompliziert.

So kann auch die Ausstellung, in dem Charells Oeuvre hemmungslos der "schwulen Operette" zugeschlagen werden, nur wenige Original-Dokumente aus dem Besitz des großen Mannes bieten. Die vom deutschen Operettenpapst Kevin Clarke mitgestaltete Ausstellung lässt uns dank zahlloser Fotos und Dokumente eintauchen in eine Welt aus Show-Überfluss, Laszivität und hemmungsloser Theaterlust. Leider gibt es keinen Katalog.

Sollte es je einen Neustart der Operette geben, so dürfte der nur dank der Besinnung aufs freizügige, ja oft schmutzige Original à la Charell möglich sein. "Ich spreche mit den Beinen nur" hieß es eindeutig zweideutig in Charells "Casanova" (nach Johann Strauß). So ranzig und prüde wie nach dem Krieg war die Operette bei Charell nie. Der Schriftsteller Stephen Spender nannte das damalige Berlin eine "Stadt ohne Jungfrauen". Genau daran hat Charell seinen Anteil. Wir dürfen ihm dankbar sein.

Schwules Museum , Mehringdamm 61, Kreuzberg. Bis 27.9., Mi-Mo 14 bis 18 Uhr, Sa bis 19 Uhr.