Kino

Babylon bringt den Stummfilm zum Klingen

Genau heute in einem Monat, am 17. Juli, müssen wir alle eine Stunde lang U-Bahn fahren. Ab 20 Uhr. Denn dann läuft einer der größten Filmklassiker unserer Stadt, "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" aus dem Jahr 1927, auf allen Monitoren der BVG-Züge. In rund 1000 Waggons. Würde man diese aneinanderreihen, käme man auf eine Länge von 16,5 Kilometern. Also sozusagen das längste Kino der Welt.

Der Film läuft in allen U-Bahnlinien, man kann also zwischendurch bequem umsteigen. Nur aussteigen sollte man nicht. Der Film handelt, ja lebt vom Rhythmus, von der Hektik der Stadt. Und beginnt, wie passend, mit einem Zug, der in die Stadt einfährt, mit Gleisen und Weichen, die immer schneller zusammengeschnitten werden. Eigentlich muss man das einmal in der BVG sehen, es ist der genuine Ort dafür.

Berlin wird zu Bologna

Das U-Bahn-Fernsehen ist ja eher ein Nachrichtenmedium. Seit 2001 gibt es aber auch hier immer wieder Filme zu sehen, im Kurzfilmprogramm "Going Underground". Nur sind die nie länger als 90 Sekunden. Walter Ruttmanns Berlin-Film dagegen dauert satte 60 Minuten. In der Zeitspanne kommt man mit der U 7 vom Rathaus Spandau bis Rudow.

"Die Sinfonie unter der Großstadt" heißt diese Aktion; sie ist das spektakulärste Event eines neuen Festivals, das sich dem Stummfilm widmet. Die alten Klassiker aus der elitären Nische eingeweihter Cineasten zu befreien und einem breiten Publikum zu erschließen, gerade auch einem jungen, das verwöhnt ist von den modernsten technischen Möglichkeiten von Handykameras, Digitalkameras und Onlinefilmen, das ist die erklärte Hoffnung von Friedemann Beyer. Der kuratiert das erste Stummfilm-Live-Festival, das vom 16. bis 25. Juli im Kino Babylon Mitte zu sehen ist.

Dieses Haus ist dafür geeignet wie kein zweites. Das Kino weist noch eine Original-Philips-Kinoorgel auf, eine Stummfilmleinwand (mit Goldrand!). Und: Es verfügt als einziges deutsches Kino über einen Orchestergraben, in dem bis zu 30 Musiker unterkommen. Deshalb wird das Festival nicht nur ein Fest für Filmliebhaber: Hier werden auch die besten Stummfilmmusiker aus aller Welt erwartet. Jede Aufführung ist eine Live-Performance. Gäste wie das Trio Glyzerin, Javier Peerez de Azpeita oder DJ Raphael Marionneau werden das alte Medium gehörig entstauben und mit modernen Sounds versehen. Der Stummfilm chillt. Auch wenn die Originalpartitur zu "Metropolis" gerade erst, wie der gesamte Film, aufwendig rekonstruiert wurde, in der Bearbeitung des Briten Neil Brand erlebt man das Werk noch einmal völlig neu. Ähnlich hat auch die Formation Tronthaim "Sinfonie der Großstadt" mit elektronischen Klängen bestückt - was man allerdings nicht in der U-Bahn hören kann, aber im Großen Saal des Kinos, in dem der Film am 17. Juli ebenfalls zu sehen ist. (Ab 22 Uhr, also am besten vorher mit der U-Bahn hinfahren und sich dort schon mal einstimmen!)

Das Programm liest sich wie ein Klassiker-Kanon des Stummfilms. Dazu zählen deutsche Meisterwerke wie "Das Cabinet des Dr. Caligari", "Menschen am Sonntag" oder "Die freudlose Gasse", die legendären, aber allesamt verstümmelten Werke eines Erich von Stroheim ("Greed", "Blind Husbands"), selten gezeigte frühe Werke eines Alfred Hitchcock oder John Ford. Auftritte von Diven wie Marlene Dietrich, Greta Garbo und Louise Brooks, aber auch von Stan Laurel & Oliver Hardy. Und Klassiker des italienischen Kinos wie "Cabiria", 1914 das erste Monumentalepos der Welt, oder "Maciste all'inferno", die Mutter aller Sandalenfilme, die das Festival eröffnet.

Berlin wird damit zu Bologna. Denn dort wird in neun Tagen bereits zum 24. Mal "Il Cinema ritrovato", das Festival des wiedergefundenen Films, ausgerichtet. In Bologna lassen viele Filmarchive ihre Bestände restaurieren, hier kann das Publikum die Endprodukte auch gleich studieren. Friedemann Beyer träumte schon lange davon, ein ähnliches Festival auch in Berlin, immerhin eine Wiege der Filmkunst, zu gründen. Beyer hat eine Kooperation mit Bologna erzielt. Und spricht auch schon ganz optimistisch davon, das Festival im nächsten Jahr fortzusetzen.

Schlöndorff gesteht Jugendsünde

Gestern stellten er und Kinobetreiber Timothy Grossmann ihr Vorhaben schon einmal im Babylon-Kino vor. Einer saß neben ihnen und lächelte verschmitzt: Regisseur Volker Schlöndorff. Der sollte, als Pate des Festivals, eigentlich Sponsoren gewinnen. Doch weder der Staatskulturminister noch der Regierende Bürgermeister ließen sich erweichen. Das Festival muss weitgehend ohne Fördermittel auskommen. Dafür gratuliert Schlöndorff nun den Initiatoren, dass sie nicht aufgegeben haben. Und freut sich über das breite Angebot. Die meisten Filme hat er in seiner Ausbildungszeit in Paris gesehen, an der Cinémathèque francaise, wo er auch die Zwischentitel von deutschen Filmen simultan übersetzt hat. Stummfilme haben ihn überhaupt einst ermutigt, Regisseur zu werden. "Wenn man dieses Programm hier gesehen hat", prophezeit er nun, "kann man Filmemacher werden." Und ergänzt ein wenig süffisant: "Das ist wichtiger als eine ganze dffb-Schule."

Gleichzeitig verrät er auch eine Jugendsünde: Stummfilme hatten ihn so beeindruckt, dass er in jungen Jahren sogar eine Art Remake von Stroheims "Blind Husbands" gedreht hatte: "Übernachtung in Tirol" mit Margarethe von Trotta und Herbert Achternbusch. Der Fernsehfilm wurde nur einmal ausgestrahlt, 1974 im Hessischen Rundfunk, und dann nie wieder. Schlöndorff selbst hat ihn höchstpersönlich aus dem Verkehr gezogen: "Der war schon ziemlich schlecht."