Ausstellung

Die Kunst des Häkelns

Früher, da musste Patricia Waller ordentlich anhäkeln gegen das Image des Klopapierhütchens. Moderne Häkelliesel, so nannten sie einige. Aber das ist lange vorbei.

- Patricia Waller, die in Karlsruhe Bildhauerei studierte, hat das Häkeln, eine der ältesten Techniken, längst rehabilitiert und in den Rang der Kunst erhoben. Und das mit äußerst subtilem Witz und charmantem Gruseln. Ohnehin hat sich mittlerweile eine kollektive Woll-Lust durchgesetzt - in Hollywood ersetzen die heißen Nadeln so manchen Yogakurs. Und überhaupt ist Häkeln die globale Kunst - ein Knäuel kann man schließlich überall mit hinnehmen.

Man muss Wallers skurrile Objekte gesehen haben, um zu wissen, dass sie nur auf den ersten Blick niedlich sind, bieder oder hübsch. Patricia Waller häkelt an gegen die kleinen und großen Katastrophen dieser (bösen) Welt. Häkeln für den Frieden könnte man es nennen, oder: häkeln gegen die Krise. Dabei fließt viel, viel Blut - aus festen roten Maschen, meterlang.

Aber nun der Reihe nach: Angefangen hat die gebürtige Chilenin, die vor einem Jahr von Karlsruhe nach Berlin zog, mit einer gehäkelten Kunstgeschichte. Es entstanden Figuren aus Wolle wie der Hase von Joseph Beuys oder der "Rabbit" von Jeff Koons. Sie hinterfragte damit nicht nur die Diskussion um Kunst und Handwerk, sondern stellte zugleich die Frage nach der Überhöhung von Alltagsdingen, wie es die Pop Art tat und Beuys gewissermaßen auch, als er postulierte "Jeder ist ein Künstler". Waller selbst entwickelt damit einen erweiterten Skulpturenbegriff: die gehäkelte Dingwelt. Für sie wohl auch eine kokette Abrechnung mit der männlich dominierten Bildhauer-Szene, die gewöhnlich mit schweren Materialien wie Stein arbeitet.

Später fing Waller an, sich mit gesellschaftsrelevanten Themen zu beschäftigen, dem Organhandel beispielsweise, mit Computereuphorie und dem Altern. Aufgequollene Organe und blasse Brüste hatte sie eingelegt in Formaldehyd-Gläsern.

Der Verfremdungseffekt ist Programm: die Flauschigkeit und Kindlichkeit des Materials kaschiert die Brutalität ihrer Themen. Waller umhäkelt die Gegenstände aus Styropor oder Holz, gibt ihnen einen schönen Schein, um sie umso brutaler wieder in ihrer Bedeutung freizulegen.

Bei ihr mischen sich - wie in der Ausstellung "Bad Luck" in der Galerie Deschler - Realität, Märchen- und Comicwelten. Pech für alle: Tweedy kocht samt Möhrchen im Suppentopf, Bambi ist vom Beil zerhackt in Stücke gelegt - und Miss Piggy wird durch den Fleischwolf gedreht, von Paulinchen, dem Zündelkind, sind nur ein paar Knochenreste übrig geblieben. Auch unsere schöne Garten-Idylle wird als bitterböse Farce im Häkellook entlarvt. Und die Moral von der Geschichte? Patricia Waller wird immer weiter häkeln am langen Faden unserer Geschichte.

Galerie Deschler , Auguststr. 61. Mitte. Tel. 283 32 88. Di-Sa 12 - 18 Uhr. Bis 4. Juli.