Es gab eine Zeit, sie liegt noch gar nicht so lange zurück, da trugen viele Menschen ein Buch in der Tasche, das sie alle Nase lang zückten, um es anderen unter die Nase zu halten. Rot war das Büchlein, und handlich war es übrigens auch. Man nannte es die "Mao-Bibel". Längst ist sie, Gott sei Dank, wieder in Vergessen geraten.

Kürzlich aber sah ich in der Akademie der Künste Büchelchen in appetitlichem Zitronengelb. Wahre Muntermacher. Ich kaufte gleich drei von ihnen. Sie passen vorzüglich in die Jackentasche und lassen sich in der U-Bahn, den Konzertpausen, im Wartezimmer beim Zahnarzt leicht lesen. Die Kleine Buchreihe ist bei Reclam erschienen, und man ist versucht, sie "Schiller-Bibel" zu nennen. Sie liegt gut in der Hand, ist sorgsam gedruckt und macht schon beim Aufklappen Freude. Wieviel mehr noch beim Lesen. Ich habe mir die beiden "Wallenstein"-Bände gekauft und darüber hinaus noch den "Geisterseher", Schillers Roman, den ich noch nie gelesen habe. Jetzt kommt er dran!

Es ist natürlich eine vergnügliche Vorstellung, wohin man auch kommt, die lieben Mitmenschen urplötzlich ihre gelbe "Schiller-Bibel" zücken zu sehen. "Ich kann keine finsteren Gesichter um mich leiden", heißt es, wie ich gerade aufblättere, im "Geisterseher". Die kleine Reclam-Ausgabe vertreibt sie im Nu. Sie macht Schiller haargenau zweihundert Jahre nach seinem Tod wieder lebendig.

Natürlich denke ich an ihn, den Liebling der Deutschen, seit je, immer mit einigem Bangen zurück. Das liegt selbstverständlich an meiner Schulzeit, in der ich Stunde um Stunde damit verbringen mußte, den "Kampf mit dem Drachen" auswendig zu lernen: diese Strophen-Kilometer abzulatschen bis die Sohlen brannten. Aber immerhin - am Ende der Lernstrapazen stand die Genugtuung, und ich, Arm in Arm mit ihr, tatsächlich vor der staunenden Klasse und sagte auswendig die Geschichte vom Kampf mit dem Riesenwurm her. Plötzlich gefiel dieser Drache mir unerwarteterweise sehr gut. Ich verdankte Schiller immerhin eine Eins in Deutsch. Meine Mutter buk prompt einen Kuchen.

Ich gestehe, daß ich seit vielen Jahren aus alter Zeit eine vielbändige Schiller-Gesamtausgabe besitze, die ich als bibliophile Stapelware irgendwohin gestopft habe, wo sie keinen stört. Auch mich nicht. Ich muß mich nun tatsächlich endlich auf die Suche machen nach ihr. Es ist doch eine Schande, derart mit Schiller umzugehen, dem Jüngling, alterslos, mit dem Flammenhaupt.

Horst Caspar, der enthusiastische Schauspieler, hat ihn uns unvergeßlich gemacht. Selbst wer keine Zeile von Schiller gelesen hatte, wurde durch Caspars lodernde Intensität geradezu Schiller-verrückt. Ich erinnere mich an eine Aufführung der "Räuber" im Theaterklub im British Centre am Kurfürstendamm, im Mendelssohn-Bau, der heutigen Schaubühne, in der 1952 die genialische Schauspieljugend im denkbar feurigsten Verein auftrat. Ottokar Runze war der Chef. Um ihn herum spielten Martin Benrath, Wolfgang Spier, Klaus Herm und der blutjunge Horst Buchholz. Man diskutierte sich nächtelang die Köpfe heiß, und in Ermangelung von Taxi-Geld schlief man bibbernd irgendwo auf einem gastlichen Teppich, wenn der Kachelofen niedergebrannt war. All das war Schiller zu danken, dem Autor für penetrant junge Leute. Auch ihm kochte aufrührerisches Blut in den Adern.

Erstaunlicherweise ging ich selbst in jungen Jahren dennoch Schiller eher aus dem Wege und votierte von Anfang für Goethe. Es war schließlich so eine Sache mit der Heißblütigkeit, und man konnte sich schon an der eigenen ganz schön die Finger verbrennen. Mit Goethe ging man dann schon eher auf Nummer sicher. Er lehrte ganz beiläufig so etwas wie Überlebenskunst. Auf die vor allem kam es in Kriegszeiten an.