Dokumentation

In der JVA Tegel lernen Häftlinge zu philosophieren

Die Aufforderung "Erkenne dich selbst", gefolgt von Aufnahmen der Haftanstalt Tegel - so beginnt diese Dokumentation von Aleksandra Kumorek und Silvia Kaiser.

Die alten Ziegelgebäude strahlen nach außen eine kontemplative Ruhe aus, die nicht unbedingt mit dem inneren Zustand derer übereinstimmt, die hier ihre Zeit verbüßen müssen. Tatsächlich bringt der Dokumentarfilm "Die Eroberung der inneren Freiheit", der heute ins Kino kommt, zwei Dinge zusammen, die dem Normalbürger "draußen" zunächst sehr gegensätzlich erscheinen: einerseits die Häftlinge in Tegel, gefilmt in ihrem eingeschränkten Alltag, andererseits philosophische Diskussionen, geführt unter spezieller Anleitung, aber in völliger geistiger Freiheit. Die Berliner Haftanstalt sei die einzige weltweit, so heißt es im Vorspann, die sogenannte "Sokratische Gespräche", also Diskussionen mit philosophisch geschultem Personal, anbietet. Das Ergebnis, wie es der Film nachzeichnet, ist ungeheuer spannend und vermittelt ganz neue Einsichten über Straftäter.

Kumorek und Kaiser haben die Gruppendiskussionen gefilmt, lassen aber auch einzelne Häftlinge vor die Kamera. Nicht wenige davon haben "lebenslänglich". Wenn man sich nicht verändere, nicht an sich arbeite, habe man keine Chance auf Revision oder Begnadigung, sagt einer. Bei vielen spürt man fast so etwas wie Dankbarkeit dafür, ihre Erfahrungen und Situationen einmal außerhalb therapeutischer oder justiziabler Kontexte erörtern zu dürfen. Die Argumentierlust scheint groß, und es zeigt sich, dass die Männer fast alle etwas mitgemacht haben, mit sich selbst, mit anderen, worüber sich das Nachdenken und Abwägen in mehr als einer Hinsicht lohnt.

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