Die Achsel der Guten

Vorweg eine Frohbotschaft: Als der überzeichnende Autor eine respektvoll erschütterte Welt wissen ließ, er dürfe der Präsentation des neuen Nena-Albums in Hamburg beiwohnen, erschall wiederholt die hämische Frage nach der Achselfrisur der mädchenhaften Sängerin mit der märchenhaften Karriere. Besagter Behaarung nämlich hielt die von der Neuen Deutschen Welle Anfang der Achtziger in die Charts gespülte Hagenerin selbst dann noch die Treue, als es längst unschicklich war, axial unrasiert durch das Leben zu tänzeln.

Beim von Ex-Intimus Udo Lindenberg und 200 Medienvertretern beifällig belächelten Auftritt des 44jährigen Bühnen-Quirls in einem Hamburger Club konnte jedoch Entwarnung gegeben werden: Was die haarige Frage nach einem angemessenen Stil anbelangt, ist das ewige Fräuleinwunder Susanne Gabriele Kerner im neuen Jahrtausend angekommen.

Auch musikalisch und, nun ja, weltanschaulich. Denn was für die Achsel der Guten gilt, hat auch Gültigkeit für jene Achse des Guten, die von Nenas Anfängen mit schwärmerisch-empfindsamen Songs à la "Nur geträumt" und "Leuchtturm" über ihr Recyclingalbum "Nena featuring Nena" (2002) bis zu ihrem jüngsten Album "Willst du mit mir gehen" gezogen werden kann. Nicht von ungefähr läßt dessen Titel eine in den achtziger Jahren gängige Kontaktanbahnungsfrage unter paarungswilligen Heranwachsenden assoziieren. Doch Nena, diese scheinbar altersresistente Vierfachmutter mit ihrer ebenso naiven wie liebenswerten Kieks-Aura, gibt sich nicht nur als Berufsjugendliche par excellence, sondern scheint tatsächlich eine zu sein. Dazu fügt sich, daß "Liebe ist", die erste Singleauskopplung der am 21. März erscheinenden Doppel-CD, zugleich Titelsong der neuen Sat.1-Telenovela "Verliebt in Berlin" ist. Ein Teenie-Format, das sich vor allem an eine junge, weibliche Klientel richtet. Und mit Alexandra Neldel als zahnspangenbewehrte Protagonistin aufwartet, die im Verlauf von 225 Folgen zum begehrenswerten Schwan avancieren wird. Nena, seit jeher Schutzpatronin juveniler Träume, ist für die musikalische Untermalung dieser Wandlung fraglos eine Idealbesetzung. "Liebe will nicht, / Liebe kämpft nicht, / Liebe wird nicht, / Liebe ist. / Liebe sucht nicht, / Liebe fragt nicht, / Liebe ist, so wie du bist", lautet der hoffnungslos hoffnungsvolle Refrain des designierten Chartbreakers, der die Amazon-Vorbestellungsliste anderthalb Monate vor der Veröffentlichung dominierte.

Was in diesem Liebeslied wie auch in jenen Liebesleidliedern, die das neue Album versammelt, allerdings über weite Strecken fehlt, ist jener politische Weltverbesserungsimpetus, der Nenas Schaffen in den frühen Jahren auszeichnete, als sie mit "99 Luftballons" vermeintliche Achsen des Bösen denunzierte und zugleich für die freie deutsche Westjugend tanzbar machte. Keine Rede davon auf dem neuen Album, das sich fast vollends dem Primat des Privaten und einer Himmelsmacht namens Liebe verschreibt.

Es scheint insofern bezeichnend, daß Bernd Dopp, Chef der Warner Music Group, dem in einem anderen rauchgeschwängerten Club anberaumten Pre-Listening der Band vom Band die sardonische Bemerkung voranschickte, das neue Nena-Werk lasse ahnen, woher Gruppen wie Juli und Silbermond ihre Inspiration bezögen. Tatsächlich sind es nicht nur die Stimmen von Eva Briegel beziehungsweise Stefanie Kloß, die sich jener der singenden Mutter der Nation anverwandeln, sondern auch die neoromantischen Themen der allerneuesten deutschen Welle. Bands wie Juli und Silbermond konnotieren Engagement nahezu ausschließlich emotional, genauer: familiär.

Darin ähneln sie dem verhohlenen Prototyp neuer deutscher Innerlichkeit. Denn Nena wendet das inflationär häufig im Munde geführte Wort Familie nicht nur auf ihren Lebensgefährten Philipp Palm und ihre Kinder an, sondern mit gleicher Emphase und Empathie auf ihr Team, das sie hartnäckig "Nena-Family" nennt.

Uwe Fahrenkrog-Petersen ist so ein langjähriges Familienmitglied. Der blondierte Produzent, der für Nena unter anderem den Song von den friedensbewegten Luftballons schrieb und zuletzt den Pro.7-"Popstars"-Klon Nu Pagadi mit aus der Taufe hob, steht wie kein anderer, nicht einmal die Sängerin selbst, für die Kontinuität der Marke Nena. Das zeigt sich nicht zuletzt an jener Geste, mit der er beim Showcase mit weit geöffnetem Hemd, unter dem güldenes Geschmeide blitzt, in die Tasten seines Keyboards greift wie zu seligen "Nur geträumt"-Zeiten. Solche selbstironischen Versatzstücke kommen an, weil sie im oft eitlen Popzirkus nicht üblich sind.

Fahrenkrog-Petersens eigentliche Leistung aber geht weit darüber hinaus. Was er nämlich Nenas neuer Musik eingespeist hat, ist ein Maß an Zeitgemäßheit, Drive und Mut zum Eklektizismus, das man der Band zuvor kaum zugetraut hätte: hier eine Prise Funk, dort ein Quentchen Trance. Nicht nur in der hitverdächtigen High-Speed-Nummer "Ich komm mit dir" hat sich die Familie ohrenscheinlich auf die Losung fokussiert: Beats, Beats, Beats. Und immer an die Tänzer denken.

Auf diese Weise wird Nena zart renoviert, ohne daß sie dafür verbogen werden müßte. Und darf sich auf anrührende Weise treu bleiben. Daß sie die Büschel unter ihren Achseln eingebüßt hat, wird sie ebenso verschmerzen wie den Abschied vom Stirnband. Wer zeitlos in Familie macht und sich in ihr aufgehoben fühlt, braucht keine anachronistischen Accessoires.