Ernesto Cardenal 80

Vielleicht ist man dem Ideal nie näher als in dem Augenblick, in dem man zu ihm aufbrechen will. Denn schon mit den ersten Schritten auf dem Weg, es in Realität zu verwandeln, verliert es seine ersehnte Reinheit. Für Ernesto Cardenal, den Poeten, Priester und Politiker, ging es immer ums Ganze. Man hat ihn deshalb einen "Lyriker zwischen Revolution und Mystik" genannt.

Cardenal stammt aus einer mehr als wohlhabenden Patrizierfamilie Nicaraguas. Vom Elend in seiner Heimat erschüttert, schloß er sich der Opposition Nicaraguas, entkam 1954 nur knapp einem Massaker der Truppen des Diktators Somoza und mußte das Land verlassen. Im Exil wandelte er sich vom schwärmerischen Romantiker zum entschiedenen Vertreter der Befreiungstheologie. 1965 wurde er, in seine Heimat zurückgekehrt, zum Priester geweiht. Nach dem Sturz des Somoza-Regimes, ließ er sich von den Sandinisten zum Kulturminister machen und setzte sich für eine "Revolution ohne Rache" ein. 1980 wurde er nicht zuletzt deshalb mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 1985 endete sein Streit mit dem Vatikan mit der Suspendierung vom Priesteramt. Als 1990 die Sandinisten die Wahlen verloren, erhielt Cardenal mehr Zeit für seine Gedichte. Die "Gesänge des Universums entwerfen eine Art Weltformel aus Liebeslyrik, Astrophysik und Kommunismus.

wsk