Interview

"Berlin kann mit Las Vegas mithalten"

Champagnerlaune im Friedrichstadtpalast: 2009 konnte das Haus mit 17 Millionen Euro einen Rekordumsatz beim Ticketverkauf erzielen. Die Zahl der Zuschauer stieg auf 430 000, ein beachtlicher Zuwachs von 20 Prozent.

Die Auslastung lag bei 75 Prozent. Als Berndt Schmidt das schlingernde Revuetheater vor zwei Jahren übernahm, sah die Zukunft düster aus: Die Zuschauer blieben weg, das Haus schrieb tiefrote Zahlen. Schmidt hat das Ruder schneller als erwartet herumreißen können. "Qi", die erste Revue unter seiner Intendanz, entwickelte sich zum Renner. Mit Berndt Schmidt sprach Stefan Kirschner.

Berliner Morgenpost: Herr Schmidt, wenn Sie in den Spiegel schauen, dann sehen Sie den glücklichsten Intendanten Berlins?

Berndt Schmidt: Ich kann es bei den anderen nicht beurteilen, aber ich bin auf jeden Fall glücklich.

Berliner Morgenpost: Das Jahr 2009 lief für den Friedrichstadtpalast sehr gut. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Berndt Schmidt: Vielleicht die Mischung aus Menschenkenntnis und Menschenverständnis. Wir haben mit demselben Team wie vorher ein ganz anderes Friedrichstadtpalast-Empfinden kreiert. Man muss den Beteiligten schon sagen, in welche Richtung es gehen soll. Mutig, modern, nicht zaghaft und rückwärtsgewandt. Aber die Modernisierung hätte auch schiefgehen können.

Berliner Morgenpost: Das musste Ihr erfolgloser Vorgänger erfahren.

Berndt Schmidt: Es gab einen Modernisierungsversuch, aber der war nicht sehr konsequent. Nicht glamourös genug, was die Kostüme angeht und nicht eingängig genug bei der Musik. Mit der Show "Qi" haben wir auch ein besseres Musikkonzept gefunden.

Berliner Morgenpost: Das Genre Revue wird oft als überlebt angesehen.

Berndt Schmidt: Revue ist die flexibelste Kunstform überhaupt. Bei der Oper bin ich festgelegt auf etwa drei Bilder. Das Musical entwickelt sich an einer Geschichte entlang. In die Revue aber kann alles rein: Comedy, Tanz, Musik, Gesang, Artistik, wie ich das mische und knete ist egal. Je moderner die Zutaten sind, desto moderner ist das Ergebnis. Warum soll dann Revue keinen Erfolg mehr haben? Ich glaube sogar im Gegenteil, dass die Revue den Sehgewohnheiten der Menschen sehr entgegenkommt. Die MTV-Generation ist daran gewöhnt, alle drei, vier Minuten etwas Neues zu sehen. Genau das bietet "Qi": einen Bilderreigen, einen Bilderrausch, einen Energiefluss - das ist alles sehr modern. Und trotzdem große Kunst.

Berliner Morgenpost: Und deshalb förderungswürdig?

Berndt Schmidt: Ich komme ja aus der privaten Wirtschaft. Mein Ziel ist immer, einen hohen Umsatz zu haben und einen Gewinn zu erzielen. Das ist uns im vergangenen Jahr mit einem Rekordticketumsatz von 17,3 Millionen Euro und einem positiven Jahresergebnis von rund 600 000 Euro gelungen. Im bisherigen Rekordjahr 2002 lag der Ticketumsatz bei 15,95 Millionen Euro.

Berliner Morgenpost: Fürchten Sie, dass der Landeszuschuss von 6,1 Millionen Euro angesichts der guten Zahlen weiter gekürzt werden könnte?

Berndt Schmidt: Ich denke nicht, dass Erfolg bestraft wird. Das wäre ein falsches Signal der Politik, wenn derjenige, der seine Hausaufgaben gemacht hat, zuerst gekürzt wird. Das wäre dann ja ein Anreiz, die Kosten hoch zu halten. Wir haben den besten Umsatz aller Zeiten und machen - zusammen mit den 6,1 Mio. Subventionen - trotzdem "nur" 600 000 Euro Plus. Wir sind also auf die Subventionen angewiesen, sonst rutschen wir wieder tief in die roten Zahlen. Wir haben die größte Bühne der Welt, über 100 Darsteller sind an der Show beteiligt - das kann man eigentlich nicht wirtschaftlich betreiben. Musicalproduktionen kommen mit viel weniger Personal aus. Aber wir müssen groß sein - und das erfordert öffentliche Zuschüsse.

Berliner Morgenpost: Die vergleichsweise gering ausfallen. Wie hoch war der Zuschuss pro Karte im vergangenen Jahr?

Berndt Schmidt: 14 Euro pro Karte. Wir hatten 2008 etwa 360 000 zahlende Besucher, 2009 über 430 000, also eine Steigerung von rund 20 Prozent.

Berliner Morgenpost: Die Auslastung?

Berndt Schmidt: Sie lag 2008 bei knapp 65 Prozent und im vergangenen Jahr bei 75 Prozent. Das sind im Schnitt 1420 Zuschauer pro Abend.

Berliner Morgenpost: Wo kommen die Besucher her?

Berndt Schmidt: Zwei Drittel kommen von außerhalb - und geben in der Stadt ihr Geld aus. Auch deshalb ist die Subvention eine gute Investition.

Berliner Morgenpost: Mit Ihrem Amtsantritt haben die Shows Fantasienamen bekommen. "Qi" hatte zwei Buchstaben, die neue im Herbst drei Buchstaben...

Berndt Schmidt: ...Sie ahnen schon, wie es weitergeht?

Berliner Morgenpost: Vielleicht mit vier Buchstaben und einem Aussprechhinweis?

Berndt Schmidt: Eine gewisse Logik hätte das. Bei der Namensfindung für eine große Show ohne durchgängige Geschichte brauche ich eine große Projektionsfläche, die man füllen kann.

Berliner Morgenpost: Ok. "Yma" klingt?

Berndt Schmidt: "Yma" klingt positiv und weiblich. Das Wort gibt es auch in Maya-Dialekten, man kann es sich schnell einprägen - und es bleibt hängen. "Yma" ist etwas Geheimnisvolles, etwas, das die Fantasie anregt.

Berliner Morgenpost: Sie sind als Sanierer geholt worden und haben das schlingernde Schiff auf Kurs gebracht. Wird es jetzt langweilig?

Berndt Schmidt: Ach, bestimmt nicht. Eigentlich kommt jetzt die Phase, wo ich meine Arbeit mehr genießen kann. Das erste Jahr war ja nicht schön, ich musste 50 Leute entlassen, das waren unangenehme, schwierige Entscheidungen. Jetzt kommt die Phase, wo es läuft, wo die Anerkennung da ist. Das Nahziel war den Friedrichstadtpalast zu erhalten, jetzt möchte ich erreichen, dass die Menschen in Europa wissen, dass es große Show-Unterhaltung nur in Las Vegas und Berlin gibt: Ich habe alle Shows in Las Vegas gesehen - "Qi" wäre dort eine der drei besten.