Es handelte sich um das "Manifest des Futurismus" - Auftakt einer Kunst-Revolte, die auf die europäische Avantgarde einen großen Einfluss ausüben sollte. Unterzeichnet war das Manifest von einem Italiener: Filippo Tommaso Marinetti. Als Sohn eines wohlhabenden Rechtsanwaltes wurde Marinetti 1876 im ägyptischen Alexandria geboren, wo er auch seine Jugend verbrachte. Seine Schulzeit beendete er in Paris, blieb aber "unbeugsam italienisch".
Das Futuristische Manifest verlangte, Italien "vom Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare" zu befreien. Der Vergangenheitskult wurde von Zukunftsbegeisterung weggefegt, das Aufbrüllen der Auto- und Flugzeugmotoren übertönte das "kraftlose Murmeln" der Tradition. Fabriken und Bahnhöfe, Werften und Flughäfen wurden zu Denkmälern der Neuzeit. Die Stadt, nicht das Land war der natürliche Aufenthaltsort des modernen Menschen. Und ein Rennauto war schöner als die Nike von Samothrake.
Publikumsbeschimpfung als PR-Aktion
Die Avantgarde der europäischen Künstler ließ sich davon anstecken. Der "Manager des Futurismus", wie Marinetti von Marcel Duchamp genannt wurde, startete eine der erfolgreichsten PR-Aktionen in der Geschichte der modernen Kunst.
Die dazu notwendigen materiellen Mittel lieferte das väterliche Erbe. Marinetti inszenierte zunächst in den norditalienischen Städten futuristische Abende. Sie begannen stets mit einer Publikumsbeschimpfung und einer Verspottung der lokalen Honoratioren, bevor aggressive Happenings die Zuschauer vollends in Rage brachten. Darauf hatte Marinetti gewartet: Er hielt jede Veranstaltung für misslungen, die nicht im Tumult und mit der polizeilichen Festnahme endete.
Dann begann der europäische Werbefeldzug. Ausgehend von der Pariser Galerie Bernheim-Jeune wurde die erste Futuristische Kunstausstellung in allen europäischen Metropolen gezeigt. Im April und Mai 1912 war sie in Herwarth Waldens Berliner Sturm-Galerie zu sehen. Als der Maler Umberto Boccioni sich über mangelnden Publikumszuspruch beschwerte, reiste Marinetti an, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Im offenen Wagen rasten Marinetti und Boccioni mit Walden und seiner Frau Nell durch die Straßen von Berlin, warfen Flugblätter unter die Passanten und brüllten: "Eviva Futurista!" Schlagartig wuchs das Publikumsinteresse. Jetzt zählte die Ausstellung an manchen Tagen mehr als tausend Besucher.
Wortführer der Maler war Umberto Boccioni, dessen eindrucksvolle Versuche, "Urformen der Bewegung im Raum" darzustellen, auf die Maler des Expressionismus und Kubismus einen großen Einfluss ausübten. Eifersucht auf die öffentliche Anerkennung der Maler ließ Marinetti seine Anstrengungen verstärken, eine futuristische Lyrik zu entwickeln. In seinen Gedichten ahmte er Maschinengewehrfeuer und Artillerielärm nach.
1914 trafen sich Mussolini und Marinetti zum ersten Mal. Beide waren für den Eintritt Italiens in den Krieg. Marinetti meldete sich 1916 zu den "Freiwilligen Radfahrern und Automobilisten"; viele Futuristen fielen an der Front. Als 1919 die Faschistische Partei Italiens gegründet wurde, schloss Marinetti sich ihr an. 1920 aber trennte er sich wieder von Mussolini, als dieser mit dem italienischen Bürgertum paktierte, um an die Macht zu kommen. Für den "Duce" wiederum war der Führer der Futuristen zu einem extravaganten Clown geworden, der Politik spielen wollte.
1924 kam es zur Versöhnung. Marinetti wurde Kultusminister, obwohl Mussolini den kulturellen Alleinvertretungsanspruch des Futurismus ablehnte und im sogenannten "Novecento" einen Vergangenheitskult betrieb, der den Futuristen zuwider war. Auch kritisierte Marinetti die antisemitischen Gesetze der Regierung Mussolini.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Marinetti nicht mehr; er starb 1944 in Bellagio. Der Futurismus war ein entscheidender Katalysator der europäischen Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts.

