- Ob "Turn To Stone" oder "Don't Take Me Down", ob "Evil Woman" oder "Mr. Blue Sky". Es sind Perlen der Rockgeschichte, in Diskotheken und bei Kellerpartys auf knisternden Vinyl-Schallplatten längst abgenudelte Ohrwürmer, doch sie haben, so stellt man nun im ausverkauften Admiralspalast fest, ihre Strahlkraft bis heute behalten. Was auch an den Musikern liegt, die hier auf der Bühne stehen. Es sind sechs jugendliche ältere Herren, die alle ihr Scherflein zum Erfolg des Electric Light Orchestras, kurz ELO, beigetragen haben. Es gibt rechtliche Gründe, warum sie nicht als ELO auf Tournee gehen dürfen. Darum heißt das Unternehmen auch schlicht The Orchestra. Doch dahinter stehen versierte Musiker, die auf ganzer Linie überzeugen.
Kein Wunder: Die Hälfte dieses Sextetts - Sänger und Bassist Kelly Groucutt, Geiger Mik Kaminski und Keyboarder Louis Clark - gehörte einst zu Jeff Lynnes ELO. Sänger und Keyboarder Eric Troyer und Gitarrist und Sänger Phil Bates stießen Anfang der Neunziger hinzu, um ohne Lynne ELO II aus der Taufe zu heben. Schlagzeuger Gordon Townshend komplettiert diese Formation, die nun die ELO-Klassiker in den Konzertsälen der Welt, von den USA über Russland bis Australien, am Leben erhält. Der Berliner Rundfunksender 105,5 Spreeradio hat The Orchestra für sein mittlerweile 9. Privatkonzert erstmals nach Berlin geholt. Und die geladenen Besucher waren bereits nach dem Eröffnungsstück "Twilight" vom 81-er-Album "Time" auf den Beinen.
Die Lichtregie ist imposant. Das Bühnenbild bleibt auf ein paar flackernde mehrarmige Leuchter und Zimmerpflanzen beschränkt. Und der Sound im Admiralspalast ist bestens. Hier zählt nur die Musik. Die Refraingesänge der drei Sänger klingen bei Stücken wie "Livin' Thing" oder der wunderschönen, von Gitarrist Phil Bates gesungenen Ballade "Wild West Hero" Dank zeitgemäßer technischer Hilfsmittel mitunter so, als stünde ein kompletter Chor auf der Bühne. Für den vollen orchestralen Klang sorgen die beiden Keyboarder. ELO haben es geschafft, aus klassischen und rockigen Elementen einen ureigenen Popsound zu kreieren, der aus seiner Vorliebe für die Beatles keinen Hehl macht.
Heraus sticht aus dieser Show der Sänger Eric Troyer mit seiner ungeheuer sicheren, hochlagigen Stimme. Troyer singt auch das einzige neue Stück dieser Band, das zwar auch ein altes ist, aber hier in einem griffigen, emotionsgeladenen Arrangement erklingt: Es ist "Twist and Shout" von den Isley Brothers, über die Jahrzehnte unzählige Male gecovert, auch von den Beatles, aber in dieser Version von balladenhafter Größe mit eine poetischen Soloeröffnung von Geiger Kaminski. Natürlich sind auch lässliche Sünden im Repertoire, wie "Last Train To London" von 79er-Erfolgsalbum "Discovery", mit dem Jeff Lynne langsam begann, in Richtung Disco und "Xanadu" abzudriften. Der Stimmung im Saal tut das keinen Abruch, im Gegenteil.
Diese Band ist eine Überraschung im positivsten Sinne. Und eigentlich könnte Jeff Lynne froh sein, dass hier sein Erbe so stilvoll gepflegt wird. Aber offenbar mag er es nicht, wenn ehemalige Mitarbeiter den Namen seines Unternehmens benutzen. Lynne war nämlich schon in den 80ern äußerst geschäftstüchtig. Das Electric Light Orchestra war sozusagen seine Firma, die ihm und dem Schlagzeuger Bev Bevan zu gleichen Teilen gehörte. Alle Mitmusiker wurden angestellt. Lynne selbst hat 2001 mit "Zoom" seine letzte Platte unter dem Namen ELO eingespielt, nahezu im Alleingang mit Gästen wie George Harrison und Ringo Starr. Soviel zur Beatlesverliebtheit.
Gegen Ende des Abends gibt es neben "Hold On Tight To Your Dream" auch das großorchestral bombastische "Standing In The Rain", zu dem früher das gigantische ELO-Raumschiff auf der Bühne landete. Heute erledigt diese Effekte der Mann am Lichtpult. Und bei der Zugabe "Don't Take Me Down" ist noch einmal das Publikum gefragt. Und singt aber auch alles mit an Refrain, bis auf die letzten Hu-Hu-Hus. Der Applaus ist donnernd und langanhaltend.

