Doch ihre Schönheit wird man so nicht verstehen: Man kann sie nicht antasten, ohne dass man selbst berührt wird. All das und noch viel mehr trifft auf die Weilheimer Band The Notwist zu.
Bei ihrer Gründung vor stolzen 20 Jahren hätte man wohl nicht geahnt, dass sich die Mainstream-Verweigerer mal zu Rettern des schlauen Funkelpops mausern würden. Sie machten Punk, lebten in der Provinz, trugen große Brillen und scherten sich nicht darum, was man gerade gut zu finden hatte. Zehn Jahre später flirtete die Combo um die Gebrüder Acher auf der Platte "Shrink" erstmals mit dem Mix aus Rockgitarren Elektronik. Vier Jahre später schenkten sie uns mit "Neon Golden" eine Platte, die noch heute so klingt wie der Pop von morgen. Es ist Frickelmusik, die die Grenzen des Popkorsetts sprengt, aber doch immer wieder den Weg nach Hause findet: direkt hinein ins wunde Herz. Genau dorthin zielten sie auch jetzt bei ihrem lange erwarteten Berlin Auftritt, und um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, jedes Lied war tatsächlich ein Treffer.
Sie haben uns lange warten lassen, nach sechsjähriger Pause erschien erst im letzten Frühjahr "The Devil, You & Me". Die Platte begeisterte, auch wenn man sie mehrfach hören muss, um ihre komplexe Brillanz zu begreifen. Beim Konzert brauchte es keinerlei Eingewöhnung: Die Band kam, sagte kurz mal "Hey", spielte "Boneless" und schon war der ausverkaufte Saal verführt. Die Musiker pflegen im Auftritt ein schlurfiges Understatement, doch in ihren Liedern trumpfen sie groß auf: Da türmen sich Songschichten, da pluckert der Beat, da bricht das Schlagzeug aus, wird von der Gitarre eingeholt und beide von dem lakonischem Gesang wieder zur Räson gerufen.
Bei Notwist gibt es nie einen Ton zu viel. Egal ob beim wunderschönen "Gloomy Planets" oder beim elegisch genialen "Consequence" - es stimmt einfach alles. "Let's just imitate the real until we find a better one", singt Markus Acher in "Good Lies". Nein danke. Wer The Notwist kennt, will sich nicht mehr mit poppigem Abklatsch zufrieden geben. Zu so viel Glück gibt es schlicht und einfach keine Alternative.

