- Ein Jahr später drehte Hitchcock in München seine ersten Filme als Regisseur "Irrgarten der Leidenschaft" und "Der Bergadler". Erst danach hielt man ihn auch in seiner englischen Heimat für erfahren genug, um ihn selbst inszenieren zu lassen.
Kein Wunder, dass der Schöpfer des Thriller-Kinos Deutschland auch im hohen Alter noch gut in Erinnerung hatte. Er legte Wert darauf, Interviews und TV-Gesprächsrunden auf Deutsch zu absolvieren. Das klang dann so: "Das ist eine Spannunggeschichte, das ist gespielt in Leipzig und Ost-Berlin" (über "Zerrissener Vorhang"). Der Kurator der neuen Hitchcock-Ausstellung im Filmhaus am Potsdamer Platz, Nils Warnecke, vergleicht das mit jenem deutsch-englisch Gemisch, für das die Sängerin Gayle Tufts dem Begriff "Denglisch" geprägt hat.
Die vielen Fernsehaufnahmen mit Alfred Hitchcock aus deutschen Archiven sind einer der Schätze, um die die Ausstellung "Casting a Shadow. Alfred Hitchcock und seine Werkstatt" extra für ihre Berliner Station (die einzige in Europa) bereichert wurde. Es findet sich darunter ein Interview mit dem Morgenpost-Kritiker Friedrich Luft und eine vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnete Gesprächsrunde in der verrauchten Folklore-Atmosphäre eines Äppelwoi-Stübchens.
Ursprünglich handelt es sich um eine Schau der US-Academy of Motion Pictures. In Deutschland sind auch noch ein von Christian Dior und Milo Anderson entworfenes Kostüm aus der Marlene-Dietrich-Collection, das die Schauspielerin in "Die Rote Lola" trug, sowie Bilder des Fotografen Mario Mach, die Hitchcock auf seiner Berliner Werbe-Tour für "Psycho" zeigen, dazugekommen.
Aber eigentlich geht es bei der Ausstellung um die Menschen, die dem großen "Teamarbeiter" (so Museumsdirektor Rainer Rother) halfen. Die Liste seiner Drehbuchautoren in den amerikanischen Jahren liest sich wie ein "Who's Who" der damaligen US-Literatur: Ben Hecht ("Berüchtigt", "Cocktail für eine Leiche") John Steinbeck ("Das Rettungsboot") , Dorothy Parker ("Saboteur"), Raymond Chandler ("Der Fremde im Zug") und - vielleicht am überraschendsten - der in Deutschland nur als Dramatiker bekannte Thornton Wilder ("Schatten eines Zweifels" ) arbeiteten mit Hitchcock an seinen Drehbüchern und profitierten häufig von seinem Mangel an Gier. Denn er wollte nicht für jeden kleinen Einfall, den er selbst beigesteuert hatte, als Co-Autor genannt werden.
Optisch geben allerdings die Entwürfe für Szenenbilder und Kostüme in der Ausstellung mehr her. Oft arbeitete Hitchcock mit der Kostümbildnerin Edith Head. Sie schuf u. a. die Kleider, die Grace Kelly in "Über den Dächern Nizza" trug. Angesichts ihrer Farbskizzen fragt man sich, ob es je einen berühmten Film in Hollywoods klassischer Epoche gab, bei dem Head Frau nicht die Darsteller eingekleidet hat.
Wunderbar schwarzweiß aquarelliert dagegen nehmen die Skizzen von Ray Simm für "Die 39 Stufen" oder von Alfred Junge für "Jung und unschuldig" schon viel von der späteren Filmatmosphäre vorweg. Und James Bassy hatte offenbar die Aufgabe, Planungszeichnungen für die offiziell von Salvador Dalí ersonnene Traumsequenz in "Ich kämpfe um dich" anzufertigen.
Tiefe Einblicke in die Arbeit des Regisseurs gewähren auch die so genannten "Storyboards", mit denen Hitchcock in der Manier eines Comic-Strips die Kameraeinstellungen eines Films vorweg plante. Wie notwendig solche Vorbereitung war, erklärt Kurator Warnecke am Beispiel der berühmten Sequenz aus "Der unsichtbare Dritte", in der Cary Grant auf einem einsamen Maisfeld von einem Flugzeug verfolgt und angegriffen wird. Sie wurde mit 50 Kamerapositionen gedreht.
Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, Mitte. Bis 10. Mai 2009, täglich außer montags von 10-18 Uhr. Tel. 300 90 30.

