Maskenbildner, zumal in Hollywood, dürften demnächst verstärkt von Arbeitslosigkeit bedroht sein. Erübrigt sich doch ihr Handwerk zusehends durch eine neue Digital-Technik. Zu bestaunen in den Filmen "Sky Captain" und "Polar-Expreß".
Am 11. Juli 1989 starb Sir Laurence Olivier, der größte Shakespeare-Interpret seiner Zeit, auf seinem Landsitz vor den Toren Londons. Er hatte bis zuletzt gefilmt, über 80 Rollen in 50 Jahren, und der alte Soldat im Rollstuhl in "War Requiem" sollte sein Schwanengesang werden.
Nun jedoch, 15 Jahre nach seinem Hinscheiden, hat Sir Laurence eine neue Kinorolle übernommen. Er spielt Dr. Totenkopf, einen genialen deutschen Wissenschaftler, der sich vorgenommen hat, die Erde zu retten, indem er sie zerstört. Zunächst jagen Jude Law und Gwyneth Paltrow in "Sky Captain and the World of Tomorrow" dem Phantom "Totenkopf" erfolglos hinterher, doch am Schluß stellen sie ihn in den Tiefen des Himalaja und bekommen seine große Rechtfertigungstirade zu hören.
Im "Sky Captain" begegnen wir der Kinowelt von morgen, einer Welt, in der die Vergänglichkeit überwunden ist. Das Kino hat ja schon immer von seinen Stars behauptet, sie seien unsterblich. James Dean, Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, alle haben sie fortgelebt auf dem alten Zelluloid und in den Herzen ihrer Fans, doch das war ein Fortleben in der Erinnerung. Wovon wir seit "Sky Captain" reden, das ist ein ganz neuer Karriereabschnitt - nach dem Ableben oder dem Rückzug aufs Altenteil oder jenseits des Moments, in dem selbst Botox nicht mehr hilft.
Die Olivier-Wiedererweckung sieht noch aus wie ein Experiment. Von zwei riesigen Säulen zucken Blitze und laden die Luft dazwischen elektrisch auf, in dem Energiefeld materialisiert sich ein Gesicht - Oliviers - und beginnt zu reden; es ist eine Referenz an die Erschaffungsszene des Monsters aus "Frankenstein", und tatsächlich ereignet sich in "Sky Captain" ein Schöpfungsakt, die Geburt des Schauspielers aus dem Computer.
Oliviers Gesicht in dem Energiefeld grieselt, wie die Gesichter bei den ersten Fernsehexperimenten vor 70 Jahren geflimmert haben müssen, aber das ist Absicht, weil der Regisseur kaschieren will, daß er noch analoges Restgepäck mit sich herumschleppt: Hier wird einfach eine alte Filmaufnahme mit Olivier verwendet, verfremdet und mit einem neuen Text unterlegt. Eine Geste der Nostalgie, eine sentimentale Träne, die der Bildcomputer da über seinen Schirm rinnen läßt, obwohl er das gar nicht mehr nötig hätte.
Denn die vollausgereifte Digi-Genese existiert, auch sie ist schon im Kino zu bestaunen, ab kommenden Donnerstag im "Polar-Expreß". Darin spielt Tom Hanks fünf Rollen: den Express-Schaffner, den kleinen Jungen, der mit auf die abenteuerliche Reise zum Nordpol geht, den Vater des Jungen, den Landstreicher - und den Weihnachtsmann.
Nun hat Alec Guinness in "Adel verpflichtet" schon einmal acht Rollen gespielt, und man könnte das alles als eine Herausforderung an den Maskenbildner abtun. Genau das ist der Punkt: Für den "Polar-Expreß" wurde kein Maskenbildner mehr benötigt. In Halle 2 der Warner-Studios in Culver City stand nur eine fast kahle Bühne, wo Tom Hanks seinen Part herunterspielte - ohne Kulisse, ohne Kostüm, häufig ohne Gegenüber. Da standen bloß ein leerer Rahmen, der ein Fenster darstellte, und rohe Holzblöcke, die Türen und Möbel andeuteten - ironischerweise fast eine Kopie von Lars von Triers spartanischem Anti-Hollywood-Stück "Dogville".
Und da war noch ein weiteres, unglaubliches "ohne": Es gab auch keine Kamera. Statt dessen steckte Hanks in einer Art Taucheranzug, auf dem 44 "Diamanten" - Markierungen aus lichtreflektierendem Material - befestigt waren; weitere 150 Mini-Diamanten wurden auf seinem Gesicht plaziert. Auf Gerüsten rund um die Bühne wurden 72 Infrarotsensoren angebracht, welche das reflektierte Licht der Diamanten registrierten, 120 Informationen pro Sekunde: wie Hanks lief, die Bewegungen seiner Hände und jedes winzige Zucken seiner Gesichtsmuskeln.
Videospiele nutzen das Prinzip schon lange, da bekommen Sportler Sensoren umgehängt, damit die animierten Figuren von diesem Muster flüssige Bewegungen lernen. "Motion Capture" nennt man das, "eingefangene Bewegung". Die unendlich verfeinerte Methode heißt "performance capture" - eingefangenes Spiel - und behauptet, jede Nuance einer schauspielerischen Vorstellung speichern und weiterverwenden zu können; nur an den Augen scheitert sie (noch).
Dies war auch schon das Geheimnis des Gollum im "Herrn der Ringe", nur war dieser Taucheranzugträger namenlos. Jetzt wird alles, was den Star Tom Hanks ausmacht - wie er unauffällig mit dem Augenlid zwinkert, gerührt die Nase schnieft, verächtlich den Kopf schiefstellt - auf Festplatte gespeichert, und wenn Hanks das bei einem halben Dutzend Rollen erlaubt, könnte bald sein gesamtes Repertoire auf Diskette verfügbar sein.
Verfügbar für jeden, der sie in die Hand bekommt und die notwendige Software besitzt, um sie auf animierte Figuren in einer ebenfalls im Computer geschaffenen Phantasiewelt zu übertragen. "Per-Cap" (so die Abkürzung) könnte der heilige Gral des Animationsfilms werden, der dem Realfilm das letzte nimmt, was bisher nur ihm eigen war: wahre Emotionen vermitteln zu können.
Die Weiterungen lassen einen schwindeln. Hanks hat sie sehr wohl begriffen, als er witzelte, daß er in Zukunft nur noch eine Diskette beim Regisseur abgeben werde: "Hier sind meine Daten, schick mir den Scheck." Produzenten könnten für "Pretty Woman 2" die junge Julia Roberts wiederbeleben, wenn die echte einmal die 40 überschritten hat. Sie könnten diese unverschämten Spitzengagen von 25 Millionen Dollar pro Film drücken. Sie könnten jede Szene, die ihnen mißfällt, nach Belieben ändern.
Ähnliche Grundsatzfragen stellen sich für Schauspieler und Regisseure. Soll ich noch selbst vor die Kamera treten oder mein digitales Alter Ego vorschicken? Muß mein Testament die Weiterverwendung meiner Diskette nach meinem Tod verbieten? Wozu brauche ich noch einen Kameramann, wenn der Computer mir jede nur denkbare Perspektive per Knopfdruck liefert? Wozu bin ich als Regisseur überhaupt noch nötig?
Hollywood war schon immer dafür bekannt, die Realität zugunsten von Traumwelten zu verdrängen. Nun ist es auf dem besten Weg, nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die physische Realität in Bits und Bytes aufzulösen. Wenn reale Orte und Menschen überflüssig werden - bedeutet das aber nicht auch das Ende der Filmzentrale Hollywood?


