Eigentlich gibt es keine richtige Bühne. Regisseur Harry Kupfer und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch haben gewissermaßen das Rheinsberger Schlosstheater entkernt und versucht, etwas Neues hineinzubauen. Man spürt förmlich, dass das Regieteam für seine Händel-Inszenierung gern noch mehr abgerissen hätte. Nun sitzt und schwitzt das Orchesterchen, das leider etwas staubtrockene Preußische Kammerorchester Prenzlau, in einem kleinen Seitenraum und quer durchs Publikum führen parallel drei unterschiedlich gewellte Rutschbahnen. Das ist der Krabbelplatz für junge, spielfreudige Sänger. Die drei Bahnen zeigen übrigens einen Stadtplan von Rom. Hier spielt Händels Oper "Otto und Theophanu", die jetzt in der Kammeroper Schloss Rheinsberg Premiere hatte. Harry Kupfer knüpft an seine Händel-Erfahrungen an der Komischen Oper an - sein alter Mitstreiter Eberhard Schmidt hat die deutsche Übersetzung besorgt. Legendär sind seine Inszenierungen des Jochen Kowalski. Auch in Rheinsberg kann Kupfer mit jungen frischen Countertenören auftrumpfen. Überraschenderweise schließt der Regisseur aber weder Andreas Taubert noch Armin Gramer sonderlich ins Herz. Es gibt keinen Favoriten: Jeder muss sich selbst erproben. Das ist auch das Reizvolle.

Kupfer inszeniert das klassische Theater im Theater. Ein Kapellmeister (sängerfreundlich dirigierend: Roger Boggasch) und sechs Sänger proben Händel. Man springt in die Kleider und Rollen hinein und hinaus. Gelegentlich geht die Identifikation eines Leidenden so weit, dass die anderen ihm heraushelfen müssen. Das ist die Handlung in Rheinsberg: Die Händel'sche ist wie immer kaum nachzuvollziehen. Sein "Ottone" wurde 1721 im King's Theatre am Haymarket uraufgeführt, erlebte schnell auch in anderen Ländern Aufführungen, geriet dann aber in Vergessenheit. Die deutschsprachige Renaissance datiert sich auf Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Libretto bemüht den deutschen Kaiser Otto II., der die römische Krone übernehmen soll (wie andere auch!) und Prinzessin Theophanu heiraten will (wie andere auch!). Es gibt reichlich Konflikte. Letztlich geht es um Liebe, Verrat, Rache, Intrige und Großmut. Das ist szenisch verzwickt und deshalb am besten in den vielen Arien auszusingen. Das machen die jungen Darsteller in Rheinsberg ausgiebig und in gesicherten Rampenpositionen.

Andreas Taubert ist der professionellste unter den Bühnenneulingen. Der ehemalige Thomaner ist technisch versiert und weiß seine Singkraft einen Opernabend lang geschickt einzuteilen. Ein nicht allzu hoher, aber erstaunlich kraftvoll geführter und vor allem textverständlicher Counter. Sein Widerpart Armin Gramer, der Adelberto, verfügt über einen hohen, weichen, etwas nervös wirkenden Counter. Gramer bleibt als der lächelnde Intrigant mehr ein Buffospieler im Team. Die attraktive Petersburgerin Olga Peretyatko singt die Theophanu mit kristallenem, leicht slawisch vibrierendem Sopran. Sie spielt die unschuldige Prinzessin vom Lande. Der naturwüchsige Alt der Bulgarin Veselina Teneva gibt der Intrigantin Gismonda eine angemessen kraftvolle Statur. Die Warschauerin Lilianna Zalesinska leiht der ungeliebten Mathilda ihren warmherzigen Mezzo. Der Tokioter Yasushi Hirano ist in der Nebenrolle des Emireno ein energischer Spielbass.