Black Francis braucht nur die ersten Akkorde von "Where Is My Mind?" in die Akustikgitarre zu hauen, schon schallt ein tausendfaches Engels-Hu-Hu-Hu zur Bühne zurück. Und auch die Zeilen von "Here Comes Your Man" werden zum Sound schabender E-Gitarren unisono mitgesungen. Nein, die Songs der Pixies sind nicht vergessen. Die Fans sind älter geworden wie die Musiker, doch die guten alten Schallplatten, Alben wie "Surfer Rosa" oder "Doolittle", sie stehen immer noch zu Hause im Plattenschrank. Die Pixies waren etwas Besonderes. Sie sind es noch. Beim gut besuchten Berlin-Konzert in der Wuhlheide-Freilichtbühne wird das wieder vereinte US-Quartett mit offenen Armen empfangen.

Nach dem Vorprogramm der einmal mehr großartigen Aufsteiger Franz Ferdinand aus Schottland und dem mächtig schrammelnden Iren-Vierer Ash eskaliert ein schier pausenloses Phoncrescendo. Die mehr als zehn Jahre, die seit der schmerzlichen Bandauflösung vergangen sind, haben den Musikern offenbar gut getan. Manchmal bedarf es eben einer längeren Trennung, bevor man weiß, wohin man gehört. Und sei es auch nur wegen des Blicks auf den Kontoauszug. Gitarrist und Sänger Black Francis, Gitarrist Joey Santiago und Schlagzeuger David Lovering haben sich offenbar als Zeichen des Neuanfangs den Schädel geschoren. Bassistin Kim Deal ist ihrem charmant spröden Schlabber-Outfit treu geblieben.

Vom ersten Ton an stehen die Zeichen auf Sturm. Die Pixies, 1986 in Boston gegründet, wussten stets auf rigorose Weise Punkrock mit poppigen Melodien zu verkuppeln. Eingängige Refrainzeilen werden von grellen Gitarrenschlägen zerstückelt und wieder zusammengesetzt. Von Bass und Schlagzeug getriebenes Stakkato scheint plötzlich ins Stolpern zu geraten und kommt im nächsten Moment wieder in Fahrt. Dabei geriert sich Frontmann Black Francis als sehnsüchtiger Hysteriker und genialer Schreihals, der seine Stimmbänder malträtiert, als brauche er sie morgen sowieso nicht mehr.

Bisher hat es nach der Reunion nur zu einer Best-Of-CD, einer Konzert-DVD und einem neuen Song (den man beim Internet-Musikhändler iTunes für 99 Cent erwerben kann) gereicht. Schon deshalb wird auch die Show zu einem Wiederhören von alten Bekannten, von schrulligen, verschrobenen, schroffen Dreiminütern, die einst die Wände des kleinen Loft am Nollendorfplatz zittern ließen und nun ohne große Zwischenansagen auf großer Bühne aneinander gereiht werden. "Bone Machine" und "Wave of Mutilation", "Debaser" und "Monkey Gone To Heaven". Und "Where Is My Mind?" Diese Frage scheint sich Black Francis, der nach der Trennung solistisch als Frank Black eine mal mehr, mal weniger geglückte Solokarriere gestartet hatte, wohl mehr als einmal gestellt zu haben. Den Erfolg, den er mit den Pixies hatte, konnte er nie wieder toppen. So gesehen kommt diese Wiedervereinigung dem legendären Angebot, das man nicht abschlagen kann, gleich. Die Pixies streicheln und hauen, schreien und flüstern, perlen und poltern durch ein konsequentes Repertoire erstklassigen Independent-Rocks, der so rau und frisch wirkt wie am ersten Tag.

Nach gut einer Stunde ist alles gespielt und gesagt. Man kommt sich ein bisschen vor wie nach dem überraschenden Kurzbesuch von längst verloren geglaubten Freunden. Doch alle sind glücklich. Auch Black Francis freut sich. Und gegen nicht enden wollenden Applaus gibt es ein probates Mittel: jede Menge Zugaben. Und die Hoffnung auf ein neues Pixies-Album.